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Januar 2008
Christina Mohr
für satt.org

Alice Schwarzer: EMMA
Die ersten 30 Jahre

30 Jahre EMMA – erst oder schon? Diese Frage stellt sich unwillkürlich, scheint EMMA doch schon immer dagewesen zu sein. Zumindest für uns Nutznießerinnen der Siebzigerjahre-Emanzipationswelle, die wir scheinbar keine Kämpfe für die Gleichberechtigung der Frauen mehr ausfechten müssen. Mittlerweile gibt es sogar regelrechte Anti-Emanzipations-Backlashes, wie anders ließe sich erklären, daß „Feministin“ oder „Emanze“ wieder wie Schimpfworte in den Ohren junger Frauen klingen, oder daß Frauen ganz selbstverständlich den Namen des Ehemannes annehmen, ohne auch nur eine Sekunde über die Alternative (Mann trägt Namen der Frau) nachzudenken?

Alice Schwarzer: EMMA. Die ersten 30 Jahre

Die erste EMMA erblickte am 26. Januar 1977 (um genau zu sein, also vor nunmehr 31 Jahren) das Licht der Welt, zu Beginn eines schicksalträchtigen Jahres, das von Punkrock-Hysterie und RAF-Terrorismus geprägt war. Die EMMA-Startauflage von immerhin 200.000 Exemplaren war sofort vergriffen und sorgte umgehend für Positionierungsnotstand: war man/frau für oder gegen EMMA? Dazwischen scheint es nichts zu geben, EMMA wird leidenschaftlich geliebt oder ebenso leidenschaftlich abgelehnt. Das liegt nicht zuletzt an der streitbaren, charismatischen Herausgeberin Alice Schwarzer, die so unmittelbar mit ihrer Zeitschrift verbunden ist wie nur wenige andere „Blattmacher“ – Hermann L. Gremliza und konkret könnte man an dieser Stelle nennen, aber in puncto Popularität, Medienwirksamkeit und Sendungsbewußtstein ist Schwarzer Lichtjahre voraus. Alice Schwarzer, bei der EMMA-Gründung 33 Jahre jung, polarisiert wegen ihres unbedingten Engagements für die Gleichberechtigung der Frauen in allen Belangen – und auch durch ihre Eitelkeit, aber: Bescheidenheit ist eine Zier, weiter kommt man ohne ihr'. Dieses Motto könnte über Alice Schwarzers Schreibtisch stehen, und sie hat es weit damit gebracht. EMMA, die „einzig wahre Frauenzeitschrift“, die einzige, die ohne Kochrezepte und Diättipps auskommt, erfreut sich heute, in Zeiten rapide sinkender Auflagenzahlen für Druckerzeugnisse, einer stabilen Auflage von 70.000 Exemplaren und rühmt sich und die EMMA-Leserinnen – ohne falsche Bescheidenheit – auf emma.de folgendermaßen:

EMMA hat heute die jüngsten, gebildetsten und bestverdienendsten Leserinnen unter allen vergleichbaren (Frauen)Magazinen. Das Durchschnittsalter ist 39 und 54 Prozent sind unter 40 Jahren; 45 Prozent haben Abitur, weitere 48 Prozent einen Hochschulabschluss.
Und EMMA-Leserinnen sind treu: 56 Prozent lesen EMMA seit mehr als fünf Jahren; zwei von drei "fast alles", was auf den 116 Seiten eines Heftes steht.
Überhaupt sind EMMA-Leserinnen Leseratten. Mehr als zwei von drei lesen mehrfach in der Woche bis täglich Bücher.

Auch wenn viele jüngere Frauen (siehe Leserinnen-Durchschnittsalter) mit EMMA nichts anfangen können oder wollen und auf der Suche nach einem anderen, nicht von Schwarzer definierten Feminismus sind, dürfen EMMAs Errungenschaften nicht vergessen werden: EMMA griff viele „unbequeme“ Themen als erste auf, Artikel über Diätwahn, Gewalt in der Ehe, Genitalverstümmelung, religiösen Fundamentalismus und sexuellen Mißbrauch von Kindern waren längst in EMMA zu lesen, bevor sich andere Zeitschriften an diese Themen wagten. EMMA ließ an Brustkrebs erkrankte Frauen zu Wort kommen, widmete sich dem Frauenfußball und kämpfte stets und unverdrossen gegen die werbliche und mediale Ausbeutung von Frauen – und zog im Jahre 1978 sogar gegen den „Stern“ und Herausgeber Henri Nannen wegen der sexistischen „Stern“-Titelblätter vor Gericht. Die EMMA-Klägerinnen verloren zwar den Prozeß, der Kampfesmut gegen die alltägliche Pornografisierung aber blieb bestehen: 1988 und 2007 fanden EMMAs viel beachtete „PorNo!“-Kampagnen statt, eindrückliche Statements gegen die angeblich so normale Zurschaustellung nackter, meist weiblicher Körper.

Aber EMMA hat auch Humor: seit Jahren wählt EMMA den „Pascha des Monats“, Herren wie Helmut Schmidt, Udo Jürgens und Roger Willemsen, aber auch Frauen wie Eva Herman durften sich bereits mit dieser „Auszeichnung“ schmücken. Ebenfalls ein humoristisches Highlight war der „Glied“-Titel im Januar 1984, eine bissige Retourkutsche auf den „Stern“-Titel (natürlich) vom Dezember 1983, der unter der Headline „Brüste“ vorgeblich objektiv die Vielfalt der weiblichen Brust untersuchte.
Nicht wegzudenken aus EMMA sind Franziska Beckers Cartoons, die seit den Gründungstagen für lustige und bitterböse Einblicke in den feministischen Alltag sorgen.

Und EMMA ist, was oft übersehen wird, stets am popkulturellen Puls der Zeit: Interviews und Porträts von Musikerinnen, Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen sind Bestandteil jedes Heftes, EMMA schrieb über Madonna, als diese in Deutschland noch kaum bekannt war, porträtierte k.d. lang, Laurie Anderson, die Jazzmusikerin Irène Schweizer und viele andere.

Im kommenden Frühjahr steht eine revolutionäre Neudefinition EMMAs an: Alice Schwarzer gibt die Chefredaktion an Lisa Ortgies, eine gestandene Fernsehfrau und Journalistin (und Mutter zweier kleiner Kinder) ab. Schwarzer wird EMMA aber nicht verlassen, sie bleibt Verlegerin und Herausgeberin. Es gibt noch viel zu tun für die jungen und alten EMMAs, Alice Schwarzer will sich künftig verstärkt um große Reportagen kümmern, für die ihr als Chefredakteurin die Zeit fehlte.

Das in der Collection Rolf Heyne erschienene EMMA-Jubiläumsbuch ist ein prall gefülltes Kompendium, das 30 Jahre Frauen- und Mediengeschichte bietet. Über 400 Seiten – chronologisch und thematisch sortiert – voller Aha!-Erlebnisse unterstreichen die Bedeutung dieser einzigartigen Zeitschrift, der man aus vollem Herzen alles Gute für die nächsten (mindestens) 30 Jahre wünscht!



Alice Schwarzer: EMMA. Die ersten 30 Jahre
Collection Rolf Heyne, 440 Seiten, € 49,90
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