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9. Februar 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org



Berlinale

»Stop the fucking movie!«
Tumult im Berlinale-Palast

Ich sitze im Berlinale-Palast gerne nahe des rechten Seitenausgang in der dritten Etage, weil man da ein bisschen Licht zum Schreiben hat, Platz, um seine Tasche und den (aktuell glücklicherweise nicht) Wintermantel abzustellen. Der Platz ist nicht optimal (ein Scheinwerfer ragt ein wenig in den Bildrand), aber mir gefällt’s.

Irgendwann während des Films hörte ich hinter mir seltsame Klatschgeräusche (im Film gab es aktuell keinen Grund für Szenenapplaus, und es waren auch nur wenige Menschen), und der Geräuschpegel drohte sich zu einem Problem auszuwachsen. Eine politische Aktion oder Kritiker, die sich gegen George Clooney wenden wollen? Nein.

Immer wieder diese Klatschgeräusche, hin und wieder ein Ruf nach »Torben?« – falls jemand seinen Kumpel im Kino sucht, ist das doch kein Grund zu klatschen. Doch dann stellte sich heraus, dass wohl ein Arzt benötigt wurde, vermutlich war Torben nicht ansprechbar und Rufe wurden laut. »Stop the movie!«, »We need a doctor!«, »Someone put the light on!«

Das Klatschen wurde zu einem Applaus im negative Sinne, einem Ruf, gehört zu warden, auf den Notfall hinzuweisen, und nachdem die wütenden Rufe immer lauter wurden («This is not a joke!”, »Stop the fucking movie!«) wurde dann auch irgendwann das Licht angeschaltet und etwas später die Projektion abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Zuschauer im Parterre oder in der Balustrade im fünften Stock aber sicherlich nur einen sehr vagen Eindruck, was da gerade läuft oder warum es eben nicht mehr läuft.

Mein Platz eignet sich nicht unbedingt für ein schnelles Verlassen, der Vorfall war ca. zehn Reihen hinter und über mir und mein letzter Kurs zu »Sofortmaßnahmen am Unfallort« war ca. 1989. Außerdem bin ich kein Gaffer. Wenn man helfen kann, helfe ich auch gern, aber nur auf »Informationsgründen« etwas zu beobachten, ist oftmals nicht mein Ding. Also blieb ich sitzen, lauschte, was da so von sich gegeben wurde und beobachtete eher die Beobachter. Denn mindestens 40 % der Personen in meinem Sichtfeld verrenkten sich entweder die Hälse oder standen auf und ließen die Leinwand im Rücken. Ob einige davon nur wissen wollten, wann der Film wieder losgeht (ich hatte diesmal keinen direkten Nachfolgerfilm, sondern eine gute Stunde Pause), ob es um Mitgefühl oder Sensationslust oder eine etwas andere Art von Unterhaltung ging, kann ich nicht beurteilen.

Aber der »Tumult« war längst nicht vorbei. Eine Frauenstimme, die durchaus ähnlich klang wie jene von »Stop that fucking movie!« und »It’s a shit movie, too!« hatte nun ein neues Problem. »Okay, who did it?«

Nein, es ging um keinen Mordversuch, kein Whodunit, sondern offenbar waren einige der Kritikerkollegen im Modus eines Kriegsberichterstatters und es stieß anderen sauer auf, dass der Notfall nun per Handy (keine Ahnung, wie viel in dieser guten Viertelstunde so getwittert wurde) gefilmt wurde. »Okay, wer noch? I’m not stupid, somebody did a video. For youtube!«

Eine der Kernfragen von The Monuments Men (man muss den Film nicht gesehen haben, um dies zu wissen) dreht sich darum, was wertvoller ist: Ein Menschenleben oder ein Kunstwerk. Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, ob das Ganze nicht auch ein cleverer Werbegag gewesen sein könnte, passte ja jedenfalls zum Filmthema.

Na gut, der eindeutige Unterschied liegt darin, dass der Clooney-Film nicht wirklich in Gefahr schwebte, für alle Zeiten zerstört zu werden (wie einige Da-Vinci-Gemälde, Madonnenstatuen etc im zweiten Weltkrieg), und bei der Beantwortung der aktuellen Frage ging es auch nicht um einen Weltkrieg, sondern für manche Menschen tatsächlich nur um eine zwanzigminütige Verspätung.

Inzwischen verließen natürlich auch einige den Saal (Angst vor einem Anschlag? Pinkelpause? Der Film im Anschluss ist wichtiger?), und das größte persönliche ethische Problem bestand darin, dass einige die Tür nicht schlossen, was für mich – in Kenntnis des Sitzplatzes – schon oft ein Problem war. Denn eine offene Tür bringt Licht und einen kalten Luftzug, und manchmal kann ich sie halt stehenderweise schließen, indem ich Druck auf die Angeln ausübe, aber meistens muss ich dann erstmal über eine Reling klettern, die meinen Platz von einen Gang trennt. Und ich wusste, wenn ich jetzt – während noch das Licht brennt – jemanden anhaue, die Tür zu schließen, wird das sehr pietätlos wirken. Vielleicht schließt ja der nächste sie. Bevor der Film wieder anläuft. Passierte nicht, ich klettere hin und verpasse den Anschluss komplett, aber wenn ich schon Torben nicht helfen konnte, so zumindest den Kollegen bei der Sichtung (zwei junge Frauen zwei bzw. drei Plätze neben mir absolvierten später meinen Gang ebenfalls, wir dankten uns größtenteils abwechselnd.

Als der Film nachher aus war (übrigens sahen nur etwa 50 Zuschauer den Abspann bis zum Schluss, was man aber nicht als Kommentar zum Film missverstehen sollte, sondern nur darauf, wie Kritiker im Stress sind und wo die Prioritäten liegen), sah ich beim Herabsteigen der Treppen mindestens zwei Kollegen, die sich bei Platzanweiserinnen o.ä. offenbar nach Hintergrundinfos erkundigten. Ich bin nicht Journalist genug, um dies unbedingt recherchieren zu wollen, ich bin Filmfreund und Mensch und Chronist dieses doch recht aufregenden Hörspiels. Kritik zum Film natürlich erst nach der Premiere.