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Januar 2007
Stefan Pannor
für satt.org

Ed Brubaker, Dustin Nguyen:
Authority: Revolution

Comics, die sich mit dem Medium Comic beschäftigen, nennt man Meta-Comics. Am bekanntesten hierzu wahrscheinlich Scott McClouds Trilogie „Understanding Comics“, „Reinventing Comics“ und „Making Comics“. Aber auch abseits der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gibt es Meta-Comics. Alan Moores „Watchmen“ ist, obwohl formell eine Superhelden-Geschichte, sicher das beste Beispiel für einen narrativen Meta-Comic. Nirgends sonst werden die Mechanismen und Fallstricke des Superhelden-Genres besser und klarer bloßgelegt als in dieser Erzählung.


Ed Brubaker (Autor),
Dustin Nguyen (Zeichner):
Authority: Revolution

Panini Comics 2006/2007

Ed Brubaker, Dustin Nguyen: Authority: Revolution

Ed Brubaker, Dustin Nguyen: Authority: Revolution

2 Bde. je 144 S., € 16,95

Während der 90er Jahre entwickelte sich in den USA der Meta-Comic vom Randphänomen zum eigenen kleinen Genre. Von Alan Moores „1963“ (einer wunderbaren, leider unvollendeten Marvel-Satire bei Image) bis zu seinen Arbeiten im eigenen Comiclabel ABC (America's Best Comics, ganz unbescheiden) schrieb er fast nur noch Meta-Comics. Andre Künstler folgten nach. Marvel grub Howard the Duck wieder aus und schickte ihn auf eine Reise durch die Comicwelten. DC buddelte die Parallelwelt „Erde 2“ aus seinem Archiv. Bei Image gab es ein paar nahezu deliröse Comics, in denen die weitgehend uninteressanten Helden des Verlages plötzlich zu Rettern der Indie-Comicszene aufstiegen. Und in Todd McFarlane „Spawn“ erklärte Dave Sims Cerebus den Lesern ernsthaft, dass sowieso alles nur eine Illusion sei, geschaffen von Künstlern, deren Rechte gestärkt werden müssen. Die meisten dieser Comics zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass man als Nicht-Comicfan keinen Deut verstand.

Vorläufiger Endpunkt dieser Kette war die „Authority“. Ein Team, dazu geschaffen, DCs Superhelden – Superman, Batman, Wonder Woman etc. - wiederzuspiegeln und ironisch bis zynisch zu brechen. Und neben akzeptabel witzigen Ideen wie der von Superman und Batman (hier Apollo und Midnighter genannt) als schwules Paar ging es einmal mehr um die Frage, wie die Welt wohl wäre, wenn es Superhelden wirklich gäbe. Das alles – es waren immerhin die späten 90er Jahre – sehr rasant, vor allem aber sehr brutal und zynisch erzählt. Während der ersten Jahre, erzählt u.a. von Autoren-Stars wie Warren Ellis, Mark Millar und (incognito) Grant Morrison – gingen mitunter ganze Völkerschaften, mindestens aber große Städte in den Heften drauf.

9-11 brach diesem Konzept der ultrabrutalen Superhelden vorläufig das Genick – die Vernichtung ganzer Städte war dann plötzlich doch nicht mehr cool. Und es dauerte mehrere Jahre, in denen die Serie hilflos dahinschlingerte, bis Ed Brubaker die Serie mit dem zwölfteiligen „Authority: Revolution“ (auf deutsch in zwei Bänden) wieder auf Vordermann brachte. Brubaker kommt aus der Indie-Szene, ist eigentlich Krimiautor und hat einige der besten „Batman“-Comics der 90er Jahre verfasst. Und es ist dieses Down-to-earth-Feeling, das die abgehobene Superhelden-Truppe wieder interessant macht. Die regiert inzwischen die USA und sieht sich plötzlich in der Zwickmühle zwischen Sturköpfigkeit und Lobbyarbeit von anderen Politikern, Wirtschaftsfachleuten und Medien gefangen.

Denn eigentlich wollen die Helden ja nur die Welt verbessern – mit umweltfreundlicher Technologie und Völkerverständigung. Aber auch mit Druck, mit Gewalt. Brubaker geht hier einmal mehr der Frage nach, welchen Wert die Freiheit hat bzw. was wichtiger ist: allgemeines Wohlergehen oder individuelle Freiheit?

Natürlich gibt es auch einen Schurken, der die Authority vernichten will. Denn „Authority: Revolution“ ist kein politisches Pamphlet, sondern letztlich immer noch ein Action-Comic. Allerdings keines der simplen Hau-Drauf-Manier. Spätestens zur Hälfte der Serie wird klar, wie geschickt hier Aktion und Reaktion verflochten sind. Der Plot aus Spiel und Gegenspiel von Politik, Wirtschaft, Schurken und Helden, ist angenehm eng gedröselt und wird fast unmerklich mit jedem Kapitel enger gezogen. Das macht vor allem dann Spass, wenn man auf Thriller oder hard-Boiled-Krimis steht – die besten Sequenzen sind vielleicht die, in denen der Midnighter allein in Kneipen und Seitengassen auf Ermittlung geht.

Brubaker gelingt mit diesem Comic aber etwas noch erstaunlicheres. „The Authority“ ist endlich kein Meta-Comic mehr, kein Comic über (Superhelden-)Comics. „Revolution“ kann man lesen, ohne vorher Unmengen Fast Food verdrückt zu haben. Es ist im Kern einfach nur eine spannende Geschichte, und das tut unheimlich gut.