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Juli 2002
Wolfram Hasch
für satt.org


Elektronische Musik im Äther
Versuch eines Durchblicks

Termine:
RadioEins
wöchentlich
Di 23 Uhr:Freistil (Exoten,Experimente)
Mi 23 Uhr:Electrobeats (elektronische Musik)
Do 23 Uhr:Peel-Session
Fr 23 Uhr:"Oceanclub"

Kabelkanal 95,5 Mhz
Sa 19 Uhr, zweiwöchentlich
"Digital Gadget"

Radio Fritz
wöchentlich
Sa 20 Uhr "Rave Satelite"(Jungle- Electro- und TeknoDJ-Sets)

Elektronische Musik im Berliner Äther
Versuch eines Durchblicks



Seit dem Frühjahr dieses Jahres gibt es regelmäßig Samstags um 19 Uhr im Abstand von zwei Wochen auf Kabel-Kanal 95,55 Mhz eine Musiksendung, die etwas frischen Wind in die recht stagnierende elektronische Musiklandschaft des Radios zu bringen scheint, auch wenn sie nur zweimal im Monat zu hören ist.
Die unter dem Titel "Digital Gadget" von Oliver Kiesow und Martin Georges gestaltete Sendung wartet mit früheren Highlights der Acid-und Dubmusik ebenso auf wie mit aktuellen Clubtracks (z.B. Electro, Italo-Disco). Livesets, Interviews und Vorstellung neuer Clubplatten bilden den Inhalt der Sendung.
"Digital Gadget" ist seit langem die erste Sendung, die ausschließlich Musik aus und für den House-Club im Programm hat und sich vor allem den ausgefalleneren und feineren Nuancen dieses Genres widmet. Denn seitdem Kiss FM sich Mitte der 90er Jahre völlig kommerzialisiert hat und daraufhin rund um die Uhr schlechten Hiphop ausstrahlt, muss der Berliner Clubradiofreund nämlich gleich auf ein halbes Dutzend hörbarer Sendungen verzichten: ob das ED2000s sonntags ausgestrahlte fünfstündige Ambientnacht gewesen ist oder das am darauffolgenden Tag zur selben Uhrzeit laufende "Radio Massiv",
welches dem Hörer die neuesten Drum & Base- und Jungleplatten in einem organischen und stets im grünen Bereich verbleibenden Mix serviert hat, oder Sendungen wie Confusion Control (Acidhouse,Electro, 2Ton-Tekno) und "Steve Mason-Show" (Tekno-Underground), keiner der "Kiss FM"-Hörer, der diesen Sender eingeschaltet hatte, um gute genrespezielle Clubmusik zu hören, sollte enttäuscht werden. Stundenlange Tapemitschnitte der Hörerschaft waren zu jener Zeit gang und gäbe.

Erst als Kiss FM von einem Industriellen aufgekauft wurde, gingen sämtliche dieser Sendungen in kurzer Zeit ein und wichen einer 24-Stunden-Berieselung mit langweiligem kommerziellem HipHop, der weder als Büro-Musik taugt noch einen "echten" Raper richtig begeistern kann. Etwa zeitgleich zur Kommerzialisierung von Kiss FM hatte RadioEins einige Sendungen ins Leben gerufen, die bis heute hörenswert sind und das Loch, welches der musikalische Konkurs von Kiss FM in die elektromusikalische Radiokultur riss, gerade zum richtigen Zeitpunkt zu stopfen schien. So hört man auf RadioEins seit einigen Jahren jeden Dienstag um 23 Uhr "Freistil.Exoten,Experimente", eine Sendung in der von The Residents bis Wim Mertens so ziemlich alles gespielt wird, was die offizielle und berühmtere Independent-Musikultur so im Laufe der Jahre auf die Märkte gebracht hat. Uhrzeitgleich am darauffolgenden Tag präsentiert Olaf Zimmermann seine "Electro-Beats" und wird alle vier Wochen zu Monatsbeginn vom Mute-Chef Daniel Miller, der in seiner "Miller-Show" alte und neue Entdeckungen aus dem experimentellen Minimaltekno auf den Plattenteller legt, kurzzeitig abgelöst. "Electro-Beats" spielt so ziemlich alles, was seit Kraftwerk hauptsächlich an einem Syntheshizer gedreht und daraus Platten oder CDs gepresst hat: von Peron bis "The Orb", Brian Eno bis Mixmaster Morris. Leider widmet sich Olaf Zimmermann zu gerne auch seinen musikalischen Roots, die zwischen Klaus Schulze und "Tangerine Dream" zu liegen scheinen, sodass mitunter sterile synthetische Sounds zu hören sind, die besonders dann recht misslungen klingen, wenn Zimmermann ein Jungle-Stück von Klaus Schulze präsentiert, das sicher perfekt programmiert ist, aber dessen synthetische Klangfarben zu glatt sind und in denen es kein querulantes Element gibt.
Einen Tag später um dieselbe Zeit kommt der RadioEins-Hörer in den Genuss von John Peels "Peelsession", einem wilden Wechselbad aus früherem Punk, Sonic Youth, neuestem Drum & Base und seltsamsten Frauengesängen, aufgelegt von einem alten Hasen des musikalischen Independent, den viele noch aus den 80er Jahren kennen. Nicht weniger ausgefallen präsentieren Gudrun Gut (einst z. B. bei den Einstürzenden Neubauten am Syntheshizer) und Thomas Fehlmann (u.a. bei "The Orb") freitags um 23 Uhr ebenfalls auf RadioEins ihren "Oceanclub", eine Show, die laut ihrer beiden Moderatoren musikalisches "Entertainment" beabsichtigt. Das bedeutet im Klartext:
verschiedene Styles (CPU-Experimental, House, NDW) generieren eine recht unterhaltsame Sendung, die stets im grünen Bereich bleibt und weder den Geschmackswechsel des Hörers überstrapaziert noch eine Stimmung durch den Äther jagt, die in einem mit 200Watt-Boxen ausgestatteten Club wesentlich besser aufgehoben wäre. Derart "übersteuert" geht es auf "Rave Satelite" zu, eine nun fast schon zehn Jahre auf "Radio Fritz" ausgestrahlte DJ-Sendung, die zu vergessen scheint, dass das Radio vornehmlich zu Hause, im Cafe oder im Büro und nicht in einem grossen Tanz-Club gehört wird und die von 4/Viertel-Tekno bis Jungle nahezu jeden aktuellen Tanz-Style exzessiv und auf eine Weise "durchpumpt", die bei anderen Sendungen, in denen Clubmusik zu hören ist, wesentlich dezenter und dem häuslichen Empfänger angemessener ausgewählt und gemixt wurde und wird. Bei all der musikalischen Vielfalt der genannten Sendungen vermisst man doch die Ende der achtziger Jahre auf dem längst eingestellten "Radio 100" ausgestrahlten nächtlichen Avantgard-Sendungen (Charista, Nachtflug, Kerosene). Gibt es doch seitdem keine einzige Radiofrequenz mehr, in der man zu einer bestimmten Zeit in feinste abwegige Industrialsounds oder mit Soundcollagen akzentuierte experimentelle Literatur "abtauchen" kann, denn seitdem Housemusik in die Clubs eingezogen ist, hat sie auch das Independent-Radio durchdrungen. So obskur manche Stunden des "Oceanclubs" oder der "Electrobeats" sind, immer haftet ihnen die musikalische Atmosphäre der 90er-Jahre-Clubkultur oder eine Vorliebe für ausschließlich prominente Independentien an und keine einzige dieser Sendungen wird jene nächtliche Stimmung wiederholen können, die einst z.B. "Charista" mit ihren analogen Soundausgrabungen aus finnischen oder polnischen Geräuschschmieden verbreitet hat. Die umfassende Digitalisierung der elektronischen Musik hat, so scheint es, nachhaltige Spuren auch auf jene Bereiche dieses Genre hinterlassen, die allgemein als analog bezeichnet werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die zur Zeit ausgestrahlten elektronischen Musiksendungen sich zumeist nicht nur in der musikalischen Atmosphäre der 90er Jahre-Clubs bewegen, sondern darüber hinaus unter experimenteller, abwegiger oder ambientuöser Musik, welche nicht die Independent-Charts erobert hat, offenbar nur noch das verstehen, was mit virtuellen Plugins am Monitor produziert wurde. "Digital Gadget", der Name des neuen DJ-Radios, passt also schon allein nominell haargenau in diesen recht einseitigen Trend.