Seit dem Frühjahr dieses Jahres gibt es regelmäßig Samstags um 19 Uhr im
Abstand von zwei Wochen auf Kabel-Kanal 95,55 Mhz eine Musiksendung, die
etwas frischen Wind in die recht stagnierende elektronische Musiklandschaft
des Radios zu bringen scheint, auch wenn sie nur zweimal im Monat zu hören
ist.
Die unter dem Titel "Digital Gadget" von Oliver Kiesow und Martin Georges
gestaltete Sendung wartet mit früheren Highlights der Acid-und Dubmusik
ebenso auf wie mit aktuellen Clubtracks (z.B. Electro, Italo-Disco).
Livesets, Interviews und Vorstellung neuer Clubplatten bilden den Inhalt der
Sendung.
"Digital Gadget" ist seit langem die erste Sendung, die ausschließlich Musik
aus und für den House-Club im Programm hat und sich vor allem den
ausgefalleneren und feineren Nuancen dieses Genres widmet. Denn seitdem Kiss
FM sich Mitte der 90er Jahre völlig kommerzialisiert hat und daraufhin rund
um die Uhr schlechten Hiphop ausstrahlt, muss der Berliner Clubradiofreund
nämlich gleich auf ein halbes Dutzend hörbarer Sendungen verzichten: ob das
ED2000s sonntags ausgestrahlte fünfstündige Ambientnacht gewesen ist oder
das am darauffolgenden Tag zur selben Uhrzeit laufende "Radio Massiv",
welches dem Hörer die neuesten Drum & Base- und Jungleplatten in einem
organischen und stets im grünen Bereich verbleibenden Mix serviert hat, oder
Sendungen wie Confusion Control (Acidhouse,Electro, 2Ton-Tekno) und "Steve
Mason-Show" (Tekno-Underground), keiner der "Kiss FM"-Hörer, der diesen
Sender eingeschaltet hatte, um gute genrespezielle Clubmusik zu hören,
sollte enttäuscht werden. Stundenlange Tapemitschnitte der Hörerschaft waren
zu jener Zeit gang und gäbe.
Erst als Kiss FM von einem Industriellen aufgekauft wurde, gingen sämtliche
dieser Sendungen in kurzer Zeit ein und wichen einer 24-Stunden-Berieselung
mit langweiligem kommerziellem HipHop, der weder als Büro-Musik taugt noch einen
"echten" Raper richtig begeistern kann. Etwa zeitgleich zur
Kommerzialisierung von Kiss FM hatte RadioEins einige Sendungen ins Leben
gerufen, die bis heute hörenswert sind und das Loch, welches der
musikalische Konkurs von Kiss FM in die elektromusikalische Radiokultur
riss, gerade zum richtigen Zeitpunkt zu stopfen schien. So hört man auf
RadioEins seit einigen Jahren jeden Dienstag um 23 Uhr
"Freistil.Exoten,Experimente", eine Sendung in der von The Residents bis Wim
Mertens so ziemlich alles gespielt wird, was die offizielle und berühmtere
Independent-Musikultur so im Laufe der Jahre auf die Märkte gebracht hat.
Uhrzeitgleich am darauffolgenden Tag präsentiert Olaf Zimmermann seine
"Electro-Beats" und wird alle vier Wochen zu Monatsbeginn vom Mute-Chef
Daniel Miller, der in seiner "Miller-Show" alte und neue Entdeckungen aus
dem experimentellen Minimaltekno auf den Plattenteller legt, kurzzeitig
abgelöst. "Electro-Beats" spielt so ziemlich alles, was seit Kraftwerk
hauptsächlich an einem Syntheshizer gedreht und daraus Platten oder CDs
gepresst hat: von Peron bis "The Orb", Brian Eno bis Mixmaster Morris.
Leider widmet sich Olaf Zimmermann zu gerne auch seinen musikalischen Roots,
die zwischen Klaus Schulze und "Tangerine Dream" zu liegen scheinen, sodass
mitunter sterile synthetische Sounds zu hören sind, die besonders dann recht
misslungen klingen, wenn Zimmermann ein Jungle-Stück von Klaus Schulze
präsentiert, das sicher perfekt programmiert ist, aber dessen synthetische
Klangfarben zu glatt sind und in denen es kein querulantes Element gibt.
Einen Tag später um dieselbe Zeit kommt der RadioEins-Hörer in den Genuss
von John Peels "Peelsession", einem wilden Wechselbad aus früherem Punk,
Sonic Youth, neuestem Drum & Base und seltsamsten Frauengesängen, aufgelegt
von einem alten Hasen des musikalischen Independent, den viele noch aus den
80er Jahren kennen. Nicht weniger ausgefallen präsentieren Gudrun Gut
(einst z. B. bei den Einstürzenden Neubauten am Syntheshizer) und Thomas
Fehlmann (u.a. bei "The Orb") freitags um 23 Uhr ebenfalls auf RadioEins
ihren "Oceanclub", eine Show, die laut ihrer beiden Moderatoren
musikalisches "Entertainment" beabsichtigt. Das bedeutet im Klartext:
verschiedene Styles (CPU-Experimental, House, NDW) generieren eine recht
unterhaltsame Sendung, die stets im grünen Bereich bleibt und weder den
Geschmackswechsel des Hörers überstrapaziert noch eine Stimmung durch den
Äther jagt, die in einem mit 200Watt-Boxen ausgestatteten Club wesentlich
besser aufgehoben wäre. Derart "übersteuert" geht es auf "Rave Satelite" zu,
eine nun fast schon zehn Jahre auf "Radio Fritz" ausgestrahlte DJ-Sendung,
die zu vergessen scheint, dass das Radio vornehmlich zu Hause, im Cafe oder
im Büro und nicht in einem grossen Tanz-Club gehört wird und die von
4/Viertel-Tekno bis Jungle nahezu jeden aktuellen Tanz-Style exzessiv und
auf eine Weise "durchpumpt", die bei anderen Sendungen, in denen Clubmusik
zu hören ist, wesentlich dezenter und dem häuslichen Empfänger angemessener
ausgewählt und gemixt wurde und wird. Bei all der musikalischen Vielfalt der
genannten Sendungen vermisst man doch die Ende der achtziger Jahre auf dem
längst eingestellten "Radio 100" ausgestrahlten nächtlichen
Avantgard-Sendungen (Charista, Nachtflug, Kerosene). Gibt es doch seitdem
keine einzige Radiofrequenz mehr, in der man zu einer bestimmten Zeit in
feinste abwegige Industrialsounds oder mit Soundcollagen akzentuierte
experimentelle Literatur "abtauchen" kann, denn seitdem Housemusik in die
Clubs eingezogen ist, hat sie auch das Independent-Radio durchdrungen. So
obskur manche Stunden des "Oceanclubs" oder der "Electrobeats" sind, immer
haftet ihnen die musikalische Atmosphäre der 90er-Jahre-Clubkultur oder eine
Vorliebe für ausschließlich prominente Independentien an und keine einzige
dieser Sendungen wird jene nächtliche Stimmung wiederholen können, die einst
z.B. "Charista" mit ihren analogen Soundausgrabungen aus finnischen oder
polnischen Geräuschschmieden verbreitet hat. Die umfassende Digitalisierung
der elektronischen Musik hat, so scheint es, nachhaltige Spuren auch auf
jene Bereiche dieses Genre hinterlassen, die allgemein als analog bezeichnet
werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die zur Zeit ausgestrahlten
elektronischen Musiksendungen sich zumeist nicht nur in der musikalischen
Atmosphäre der 90er Jahre-Clubs bewegen, sondern darüber hinaus unter
experimenteller, abwegiger oder ambientuöser Musik, welche nicht die
Independent-Charts erobert hat, offenbar nur noch das verstehen, was mit
virtuellen Plugins am Monitor produziert wurde. "Digital Gadget", der Name
des neuen DJ-Radios, passt also schon allein nominell haargenau in diesen
recht einseitigen Trend.