
Blumfeld: Testament der Angst
Eastwest Erscheinungsdatum: 21. Mai 2001
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Bonus: Der Blumfeld-Chat (Protokoll v. 12.5.01)
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Der Tritt in die Eier meiner Eltern …
"Testament der Angst" heißt das neue Blumfeld-Album; und sie haben sich
darauf deutlich zu weit aus dem Fenster gelehnt!
Blumfeld haben sich auf ihrem nunmehr vierten Album einem der schwierigsten
Themen angenommen, dessen man sich in stagnativen Zeiten wie unseren, in
denen Big Brother rules und Boulevard-Journalismus vom gemeinen Deutschen mit
der Tagesschau verwechselt wird, annehmen kann: Dem Polit-Rock! Und scheiße
nochmal, Blumfeld haben es vielleicht sogar gut gemeint, und ich glaube auch,
daß Herr von und zu Distelmeyer angekotzt ist von mir und Dir und unserem
Land und überhaupt allem. Ich bin das auch häufig, und jeder hat einen Grund,
sich von der nächsten Brücke zu stürzen. Aber zwei Sachen nerven: erstens
waren und sind Blumfeld viel zu sehr intellektuelles Kunstprodukt, als daß
sie sich herausnehmen könnten, in die Nachfolge der SCHERBEN zu treten; Herr
Distelmeyer schafft es keineswegs, ernsthaft so sauer zu sein wie der Sänger
von Rage against the machine, wenn ihm die Halsadern zu platzen drohen, oder
wie Rio Reiser, dessen Lieder heutzutage durchweg als Hilferuf und als
Ausdruck seiner Angst gesehen werden dürfen. Zweitens reicht es schlicht
nicht, den Mikrokosmos deprimierter Sozialpädagogen mit "Ihr seid alle so
verdammt angepaßt"-Parolen auszubauen, indem man ein simples Album auf den
Markt bringt, gleichzeitig aber sein Frühstück in angesehenen Hamburger
Szene-Läden weiterhin in der Währung "Deutsche Mark" bezahlt. Ich bin weit
davon entfernt, mein Land zu lieben oder gar Patriot zu sein; und somit habe
ich es schon im Alter von 16 geschafft, meinen Eltern für ihr
konservativ-stillstehendes Verhalten in die Eier zu treten. Ich bin nicht
weit gekommen damit - aber ich brauche auch kein Blumfeld-Album, auf dem ein
Distelmeyer mir unser Land erklärt und gleichzeitig keinen Ansatz für
Lösungen anzubieten hat.
Tocotronic haben mit "Let there be rock" in einem Lied gesagt, wofür Blumfeld
auf ihrem neuen Album fünf Lieder brauchen. Der Rest des Albums? Jochen
Distelmeyers Vorstellung von trauter Zweisamkeit und Liebe, Liebe, Liebe mit
den Erkenntnissen, die wir alle aus der "Brigitte" unserer Freundin kennen.
Jaja, das ist alles ganz nett und hübsch gesungen und lieb produziert von
Chris von Rautenkranz, auch wenn es diesmal leider nichtmal richtig rockt.
Mir ist ein Jan Delay lieber, der ordentlich postuliert:"Ich will nicht, daß
ihr meine Lieder singt", ohne den politisch angekotzten Saubermann raushängen
zu lassen. Mein Vorschlag zur Güte, Herr Distelmeyer: Mach zwei Alben über
Liebe und Triebe und Deine Katzenallergie, aber bleib bei Deinen Leisten; Du
bist bei einem Major-Label angestellt und kannst Dir doch die innere
Immigration finanziell erlauben.
Fazit: Blumfeld sind tot; noch lebt die Demokratie! Der Tritt in die Eier
meiner Eltern jedenfalls ist schwer daneben gegangen …
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