Das Publikum ist wie Mama
From disco to disco:
Ilja Richters Story »Spot aus! Licht an!«
Jede Zeit hat die ihr würdigen Repräsentanten, jede Ära ihren eigenen Humor. Oliver Kalkofe, das gegenwärtig respektloseste Schandmaul der bundesdeutschen Fernsehlandschaft, charakterisiert die siebziger Jahre als eine »Zeit, als man sich noch darüber kringelig lachte, wenn Ilja Richter schlecht gereimte Pointen-Killer in die Kamera näselte«. Ebenso wie wir in zwanzig Jahren wohl verwundert den Kopf angesichts der bierernsten Plattheiten unserer selbsternannten TV-Tugendwächter schütteln werden, ergeht es uns heute in der Rückschau auf die Epoche, in der RAF-Terror und der blanke Busen von Ingrid Steeger gleichermaßen Deutschland den Atem verschlugen. Die damaligen Widersprüche wurden besonders deutlich am Beispiel der von 1971 bis 1982 im ZDF ausgestrahlten Musiksendung »Disco«: Einem Gesangsauftritt von Bob Dylan folgte die Stimmungskanonade Tony Marshalls, das Bildschirmdebüt einer Punkband wurde eingerahmt von belanglosen Sketchen, die an Schultheateraufführungen erinnerten und denen der Esprit von »Häschen«-Witzen innewohnte. Vereint und im Nachhinein innerlich ausgetragen wurden diese Gegensätze in der Gestalt des schlacksigen und stets altmodisch im Anzug auftretenden Moderators Ilja Richter.
Dieser erzählt in dem von Harald Martenstein frisch und faßbar geschriebenen Buch »Spot aus! Licht an!« seine »Story«, laut Klappentext »eine kluge Autobiographie für unsentimentale Fans, ein Buch mit Witz und Wiedererkennungswert«. Das läßt Schlimmes erahnen, ein Erinnerungswerk für mitgealterte »Disco«-Nostalgiker, in dem eine schillernde Anekdote die andere jagt und die Person des Erzählers wie so oft in Star-Autobiographien aufgrund der Fülle des Erlebten an Konturen verliert. Ganz im Gegenteil dazu ist »Spot aus! Licht an!« aber ein sehr intimes und persönliches Buch, das nicht mit spektakulären Enthüllungen aufwartet, sondern mit einem außergewöhnlichen und dennoch alltäglichen Schicksal aus der Unterhaltungsbranche.
Ilja Richter, 1952 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren, hatte von Anfang an eine schwere Bürde zu tragen: die durch die NS-Diktatur vereitelte Schauspielkarriere seiner Mutter. Früh erkannte und förderte sie das komödiantisch-schauspielerische Talent ihres Kindes und wurde zum Motor, in Ilja Richters Worten sogar zum »Über-Ich« seiner Laufbahn. Schon mit sechzehn Jahren konnte der Knabe auf zahlreiche Engagements und eine verhinderte Kindheit zurückblicken: Ilja Richter war ein geübter und gefragter Radiosprecher, stand in Boulevardstücken ebenso wie in Zadek-Inszenierungen im Rampenlicht und hatte sogar mehrere Fernseh- und Leinwandauftritte hinter sich. Zwar blieb ihm der große Durchbruch als Jungstar bis dahin verwehrt und auch erspart, gerade dies aber ermöglichte ihm das ungezwungene Changieren zwischen leichter Muse und ambitionierter Kunst. 1968 jedoch klopfte das ZDF an die Tür der Richters und verlangte eine Entscheidung: »Wird aus Ilja ein E-Mensch oder ein U-Mensch? Das große E steht für die ernste, besser gesagt, die von den Feuilletons ernst genommene Kultur. Zadek. Das U heißt: Unterhaltung. E bedeutet, wenn es gut läuft, Ruhm und Ehre und den Eintrag ins Lexikon. U bedeutet: vom Publikum geliebt zu werden. Und ein Haus am Wörthersee.« Wie er sich entschieden, das ist Fernsehgeschichte. »Ilja will beides. In dieser Hinsicht ist er wie alle. Aber er kann auch beides, was seltener vorkommt. Allerdings wird die Öffentlichkeit das nicht wahrnehmen. Seit seiner Disco-Zeit gilt er bei den meisten Leuten, bei denen, die keine Spezialisten sind - als ein ziemlich eindeutiger U-Mensch.«
Das Buch schreibt bewußt gegen diese Kategorisierung an, aber wie bereits der Titel erkennen läßt, der Iljas Richters geradezu sprichwörtlich gewordene Redewendung »Licht aus, Spot an« aufgreift, kann es sich dieser ebenfalls nicht erwehren. Die »Disco«-Zeit schwebt wie die übermächtige Mutter über beinahe jedes Kapitel. Es wurde Richters Verderben, daß er die ihm zugedachte Rolle zu perfekt ausfüllte. Er war das ideale Bindeglied zwischen Pop, Rock, Schlagern und seichtem Klamauk, vereinte vor dem Fernseher Alt und Jung und verhalf der Sendung zu Zuschauerzahlen, die heute, angesichts der Tatsache, dass jedem noch so kleinen Hörer- und Käufersegment ein eigener Musiksender zur Verfügung steht, wahrlich unvorstellbar erscheinen. In den mit seiner Mutter ausgedachten »Disco«-Sketchen verkörperte er den frechen und überdrehten notorischen Schulschwänzer, mit unsäglichen Leinwandklamotten wie »Unsere tollen Tanten in der Südsee« an der Seite von Rudi Carell zementierte er überdies seinen Ruf als »die männliche Lulu der siebziger Jahre« (Johanna Hasse). Zwei Tage vor seinem 30. Geburtstag beendete Ilja Richter sein »Disco«-Engagement, es drängte ihn zu neuen Ufern. Sein Nachfolger wurde ein anderer Dauerjugendlicher, der, obwohl er älter als sein Vorgänger war, wesentlich jünger wirkte: Thomas Gottschalk.
»Das Publikum ist wie Mama. Es will nicht, daß man erwachsen wird.« Diese Einsicht stieg spät in Ilja Richter empor - zu spät! Das Kapitel über die achtziger Jahre ist das dunkelste seines Lebens und bleibt auch in »Spot aus! Licht an!« ausgespart und wird durch ein paar sinnbildliche Portraitaufnahmen aus der Zeit ersetzt. Überhaupt sind es gerade die Leerstellen, die den Reiz des wohldosierten Buches ausmachen. Richter und sein Ghostwriter Martenstein lassen der Vorstellungskraft der Leser genügend Freiraum, so dass sich in manchen Momenten tatsächlich der Mensch Ilja Richter aus den Lettern erhebt. Die Autobiographie ist aber weder Beichte noch Anklageschrift, sie ist auch kein Zeitdokument, sondern ein unterhaltsamer und zugleich aufrichtiger Erfahrungsbericht über die Tücken des Showgeschäfts, über starke Mütter, schwache Söhne und den erotischen Kosmos der Vergeblichkeit.
In den neunziger Jahren gelang es Ilja Richter wenigstens teilweise, sich von seinem mitentworfenen Etikett zu befreien, sei es als Theaterschauspieler, TAZ-Schreiber oder Buch- und Bühnenautor. Der Erfolg fiel hinsichtlich des Aufwands allerdings spärlich aus, auch »Spot aus! Licht an!« mag daran nur wenig ändern, zu stark ist einfach unsere Erinnerung. Denn wie antwortete Eva Mattes auf Ilja Richters Frage »Eva, sag mal, was ist schlimmer. Ewiger Jude oder Ewiger Schüler?« - »Ewiger Ilja!«

(Ilja Richter/Harald Martenstein:
Spot aus! Licht an!
Meine Story.
Verlag Hoffmann & Campe
Hamburg 1999
252 Seiten, Abb., geb
EUR 19,95)
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