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Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman



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Marc Degens
für satt.org

Und wer raucht, stiehlt auch!
Zum Teufel ist das Nikotin:

»Nichtraucher in 4 Tagen«




Arnold H. Lanz kennt seine Schützlinge. Für ihn sind Raucher »überwiegend führungsgewohnte, durchsetzungsstarke, robuste Menschen«, doch Obacht, bevor sie jetzt selbstgefällig den nächsten Glimmstengel entfachen, lesen Sie erst einmal weiter. Gleichfalls sind Raucher in seinen Worten auch »Opfer«, sie »sind ständig auf der Flucht«, »tragen unbewältigte Sorgen, Nöte und Probleme mit sich herum«, »unterliegen der milliardenschweren, psychologisch hochstehenden, manipulativen Werbung der Konzerne« und ihr »Denkapparat funktioniert ganz einfach langsamer und weniger präzise«. Diesen Menschen »zweiter Klasse« will der approbierte Heilpraktiker und Verfasser so klangvoller Ratgeberwerke wie »Die stressfreie Or-ganisation«, »Erfolg trotz Krise« oder »Fitness und Ent-spannung mit den Fünf Tibetern‘« helfen. Dergestalt ver spricht der Titel seiner jüngsten Veröffentlichung aus jedem reumütigen Schmauchteufel einen »Nichtraucher in 4 Tagen« zu machen. Das hört sich prima an, also wagte der Rezensent, ein ausgewiesener Kettenraucher, kühn das Selbstexperiment. Freilich war er indes auch noch wachsam, denn vor einiger Zeit hatte er den Sprachkurs »Niederländisch in 30 Tagen« absolviert und wurde sodann von einer großen kundigen Zu-hörerschaft schallend ausgelacht, als er bloß das Wort »Duitsland« aussprach.

Jede Umkehr bedarf der Einsicht. Zigaretten sind teuer und gefährden die Gesundheit, das wissen alle Raucher, es steht auf den Schachteln. Arnold H. Lanz kennt aber noch weitere stichhaltige Gründe, die gegen die Nikotinsucht sprechen: »Rauchen ist selbstauferlegte Sklaverei. Denken Sie beispielsweise nur daran, dass Sie immer, überall wo Sie stehen und gehen, Zigaretten und Zündhölzer mit sich herumtragen müssen.« In diesen und vielen anderen Passagen schießt der Autor weit über sein eigentliches Ziel hinaus, das persönliche Laster verwandelt sich in die Menschheits-geißel schlechthin. Doch es nutzt dem Leser wenig, zu er-fahren, wieviele Waldbrände durch Zigarettenkippen entstan-den sind. Seine Schwierigkeit besteht ja nicht darin, Nicht-raucher zu sein, sondern Nichtraucher zu werden.

Doch wer sich durch das erste Kapitel gekämpft und nicht, aus berechtigtem Trotz, zur Zigarette gegriffen hat, der ist dem ersehnten Ziel schon sehr nahe - und endlich offenbart sich ihm die »erfolgreichste Methode zum Überwinden des Rauchens«. Für ihre Durchführung benötigt er unterschiedlichste Hilfsmittel: Zitronen, Ahornsirup, Vitamine, Frottiertücher, eine Vision. Eine Vision ist ein geheimer materieller Wunschtraum, den man sich längst hätte erfüllen können, wenn man nicht das ganze Geld verpulvert hätte. Cleany, die Cartoonfigur, die den Leser naseweis durch das Buch begleitet und bisweilen so gescheite, »praxisnahe« Beweisgründe wie »Der Autor hat recht - und wie recht er hat!« liefert, hätte sich von seinem Ersparten beispielsweise Autoledersitze gekauft. Ich entschied mich für eine Kreuzfahrt und malte diese wie verordnet auf. Den Sinn und Zweck dieser Aufgabe habe ich bis heute nicht erfahren.

Das Aktivbild hingegen erfüllt tatsächlich eine wichtige Funktion. Um es herzustellen, benötigt der Rauchunwillige eine Fotografie von sich aus gedeihlichen Tagen, ein Motiv, auf dem sein freudestrahlender Gesichtsausdruck gut sichtbar reproduziert ist. Diese Erledigung gestaltete sich für mich als äußerst knifflich, denn es gibt wenig Fotoaufnahmen von mir, ich bin fotoscheu, lache in Gegenwart von Kameras selten und habe seit neun Jahren fast immer eine Zigarette in der Hand. Allein ein uraltes Kinderfoto erfüllte schließlich die gestellten Kriterien. Dieses klebte ich auf ein Blatt Papier und schrieb darunter Auszüge des von Lanz vorgeschlagenen Textes: »Ich hasse Tabak in jeder Form wie die Pest. Ich verabscheue den Qualm, den Gestank, den Dreck, die Ab-hängigkeit. Die ekelhafte, teure und gesundheitszerstörende Sucht habe ich definitiv überwunden. Ich bin glücklich, frei, erlöst. Ich freue mich, dass ich nun den richtigen Le-benspartner finde.« Fertig war das Aktivbild. In den kommen-den Tagen sollte ich es täglich mindestens fünfmal intensiv benutzen, es lesen, betrachten, verinnerlichen, das war bei-leibe die anspruchsvollste Herausforderung.

Wie aufgetragen erfüllte ich alsdann meine Pflichten. Der Zeitpunkt meines Ausstiegs war gut gewählt, ich hatte kaum gesellschaftliche Verpflichtungen, und war wahrlich felsenfest entschlossen, mit dem Rauchen endgültig aufzuhören. Vier Tage lang ernährte ich mich hauptsächlich von Früchten, atmete wie empfohlen lange tief ein und aus, nahm Entspannungsbäder, verzichtete auf Koffein und trank literweise ein Gebräu aus gepressten Zitronen, Ahornsirup und Cayennepfeffer. Ich mied Raucherzonen, wusch mich gründlich und meditierte über meinem Aktivbild. Und obwohl diese vier Tage allein der Vorbereitung auf den Absprung dienen sollten, rauchte ich in der ganzen Zeit keine einzige Zigarette. Am fünften Tag schließlich besiegelte ich mit Datum und Un-terschrift meinen vorgefertigten Lebenspakt: »Ich bin befreit. Ein Rauchloser zu sein ist mein eigentliches Wesen. Ich bin frei.« Hurra!

Und? Die Investion hatte sich gelohnt. Sechs Tage lang war ich ein Nichtraucher, ich sparte abzüglich der Buch-kosten mehr als fünfzehn Mark. Am siebten Tag dann rauchte ich eine Zigarette, während der Abfassung dieser Rezension etwa fünfzig. Aber ich bin ohne Kümmernis, denn der nächste Jahreswechel kommt bestimmt - und also auch die guten Vor-sätze.


(Arnold H. Lanz: Nichtraucher in 4 Tagen. Nie mehr rauchen! So schaffen Sie den Ausstieg. Smart Books, Kilchberg 1999, 157 Seiten, br., 19,- DM.)
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