Und wer raucht, stiehlt
auch! Zum Teufel ist das Nikotin: »Nichtraucher in 4 Tagen«
Arnold
H. Lanz kennt seine Schützlinge. Für ihn sind Raucher
»überwiegend führungsgewohnte, durchsetzungsstarke,
robuste Menschen«, doch Obacht, bevor sie jetzt selbstgefällig
den nächsten Glimmstengel entfachen, lesen Sie erst einmal
weiter. Gleichfalls sind Raucher in seinen Worten auch »Opfer«,
sie »sind ständig auf der Flucht«, »tragen
unbewältigte Sorgen, Nöte und Probleme mit sich herum«,
»unterliegen der milliardenschweren, psychologisch hochstehenden,
manipulativen Werbung der Konzerne« und ihr »Denkapparat
funktioniert ganz einfach langsamer und weniger präzise«.
Diesen Menschen »zweiter Klasse« will der approbierte
Heilpraktiker und Verfasser so klangvoller Ratgeberwerke wie
»Die stressfreie Or-ganisation«, »Erfolg trotz
Krise« oder »Fitness und Ent-spannung mit den Fünf
Tibetern« helfen. Dergestalt ver spricht der Titel
seiner jüngsten Veröffentlichung aus jedem reumütigen
Schmauchteufel einen »Nichtraucher in 4 Tagen« zu
machen. Das hört sich prima an, also wagte der Rezensent,
ein ausgewiesener Kettenraucher, kühn das Selbstexperiment.
Freilich war er indes auch noch wachsam, denn vor einiger Zeit
hatte er den Sprachkurs »Niederländisch in 30 Tagen«
absolviert und wurde sodann von einer großen kundigen Zu-hörerschaft
schallend ausgelacht, als er bloß das Wort »Duitsland«
aussprach.
Jede Umkehr bedarf der Einsicht. Zigaretten sind teuer und
gefährden die Gesundheit, das wissen alle Raucher, es steht
auf den Schachteln. Arnold H. Lanz kennt aber noch weitere stichhaltige
Gründe, die gegen die Nikotinsucht sprechen: »Rauchen
ist selbstauferlegte Sklaverei. Denken Sie beispielsweise nur
daran, dass Sie immer, überall wo Sie stehen und gehen,
Zigaretten und Zündhölzer mit sich herumtragen müssen.«
In diesen und vielen anderen Passagen schießt der Autor
weit über sein eigentliches Ziel hinaus, das persönliche
Laster verwandelt sich in die Menschheits-geißel schlechthin.
Doch es nutzt dem Leser wenig, zu er-fahren, wieviele Waldbrände
durch Zigarettenkippen entstan-den sind. Seine Schwierigkeit
besteht ja nicht darin, Nicht-raucher zu sein, sondern Nichtraucher
zu werden.
Doch wer sich durch das erste Kapitel gekämpft und nicht,
aus berechtigtem Trotz, zur Zigarette gegriffen hat, der ist
dem ersehnten Ziel schon sehr nahe - und endlich offenbart sich
ihm die »erfolgreichste Methode zum Überwinden des
Rauchens«. Für ihre Durchführung benötigt
er unterschiedlichste Hilfsmittel: Zitronen, Ahornsirup, Vitamine,
Frottiertücher, eine Vision. Eine Vision ist ein geheimer
materieller Wunschtraum, den man sich längst hätte
erfüllen können, wenn man nicht das ganze Geld verpulvert
hätte. Cleany, die Cartoonfigur, die den Leser naseweis
durch das Buch begleitet und bisweilen so gescheite, »praxisnahe«
Beweisgründe wie »Der Autor hat recht - und wie recht
er hat!« liefert, hätte sich von seinem Ersparten
beispielsweise Autoledersitze gekauft. Ich entschied mich für
eine Kreuzfahrt und malte diese wie verordnet auf. Den Sinn und
Zweck dieser Aufgabe habe ich bis heute nicht erfahren.
Das Aktivbild hingegen erfüllt tatsächlich eine
wichtige Funktion. Um es herzustellen, benötigt der Rauchunwillige
eine Fotografie von sich aus gedeihlichen Tagen, ein Motiv, auf
dem sein freudestrahlender Gesichtsausdruck gut sichtbar reproduziert
ist. Diese Erledigung gestaltete sich für mich als äußerst
knifflich, denn es gibt wenig Fotoaufnahmen von mir, ich bin
fotoscheu, lache in Gegenwart von Kameras selten und habe seit
neun Jahren fast immer eine Zigarette in der Hand. Allein ein
uraltes Kinderfoto erfüllte schließlich die gestellten
Kriterien. Dieses klebte ich auf ein Blatt Papier und schrieb
darunter Auszüge des von Lanz vorgeschlagenen Textes: »Ich
hasse Tabak in jeder Form wie die Pest. Ich verabscheue den Qualm,
den Gestank, den Dreck, die Ab-hängigkeit. Die ekelhafte,
teure und gesundheitszerstörende Sucht habe ich definitiv
überwunden. Ich bin glücklich, frei, erlöst. Ich
freue mich, dass ich nun den richtigen Le-benspartner finde.«
Fertig war das Aktivbild. In den kommen-den Tagen sollte ich
es täglich mindestens fünfmal intensiv benutzen, es
lesen, betrachten, verinnerlichen, das war bei-leibe die anspruchsvollste
Herausforderung.
Wie aufgetragen erfüllte ich alsdann meine Pflichten.
Der Zeitpunkt meines Ausstiegs war gut gewählt, ich hatte
kaum gesellschaftliche Verpflichtungen, und war wahrlich felsenfest
entschlossen, mit dem Rauchen endgültig aufzuhören.
Vier Tage lang ernährte ich mich hauptsächlich von
Früchten, atmete wie empfohlen lange tief ein und aus, nahm
Entspannungsbäder, verzichtete auf Koffein und trank literweise
ein Gebräu aus gepressten Zitronen, Ahornsirup und Cayennepfeffer.
Ich mied Raucherzonen, wusch mich gründlich und meditierte
über meinem Aktivbild. Und obwohl diese vier Tage allein
der Vorbereitung auf den Absprung dienen sollten, rauchte ich
in der ganzen Zeit keine einzige Zigarette. Am fünften Tag
schließlich besiegelte ich mit Datum und Un-terschrift
meinen vorgefertigten Lebenspakt: »Ich bin befreit. Ein
Rauchloser zu sein ist mein eigentliches Wesen. Ich bin frei.«
Hurra!
Und? Die Investion hatte sich gelohnt. Sechs Tage lang war
ich ein Nichtraucher, ich sparte abzüglich der Buch-kosten
mehr als fünfzehn Mark. Am siebten Tag dann rauchte ich
eine Zigarette, während der Abfassung dieser Rezension etwa
fünfzig. Aber ich bin ohne Kümmernis, denn der nächste
Jahreswechel kommt bestimmt - und also auch die guten Vor-sätze.
(Arnold H. Lanz: Nichtraucher in 4 Tagen.
Nie mehr rauchen! So schaffen Sie den Ausstieg. Smart Books,
Kilchberg 1999, 157 Seiten, br., 19,- DM.)
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