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Marc Degens
für satt.org

Patrick Bahners:
Im Mantel der Geschichte



"Er hielt sich für unersetzlich, weil er sich aus der Welt nicht wegdenken konnte", so lautet der Schlüsselsatz in Patrick Bahners‘ Essay »Im Mantel der Geschichte. Helmut Kohl oder Die Unersetzlichkeit«. Die Rede ist natürlich von unserem jüngsten Altbundeskanzler, den sich GottseiDank wenigstens Deutschland endlich wegdenken konnte, und der als normaler Bundestagsabgeordneter nun genug Zeit und Muße haben wird, mit seinem Schicksal zu hadern und in Patrick Bahners‘ grandiosem Buch zu schmökern. Was er dort zu lesen bekommt, wird ihn freilich nicht erfreuen, denn der Autor - Jahrgang 1967, Historiker, Oxford-Absolvent und verantwortlicher Sachbuch-Redakteur der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« - nähert sich dem durch späte Geburt begnadigten‘ Enkel Adenauers respektlos, weil er ihn beim Wort nimmt, ihn an seinen eigenen Aussagen und Maßstäben mißt: Kohls Motto war ein trotziges Bekenntnis: Ich bin nicht zu beirren, weder durch Furcht noch durch Tadel.‘ [ …] Man versteht, was es heißen soll, daß jemand sich durch Tadel nicht irremachen läßt. Ein schöner Zug ist das nicht, was man sofort erkennt, wenn man die archaische Floskel in Begriffe von heute übersetzt: Kritik ist ihm egal. Eine solche Handlung nennt man pubertär, und nur unter Jugendlichen ist es verbreitet, sich ihrer zu brüsten.“ Über solche brillanten Fundstellen möchte man schmunzeln, wenn, ja wenn der Gegenstand nicht so ernst wäre. Denn schließlich hat Herr Doktor Helmut Kohl sechzehn Jahre lang Deutschlands Geschicke geleitet: eine halbe Ewigkeit. Unfaßbar, wie man während der Lektüre Seite um Seite meinen möchte!
Doch Ruhm und Schmach sind vergänglich, allein die Geschichte kennt kein Verfallsdatum. Patrick Bahners geht es aber vordergründig nicht darum, Helmut Kohls Taten und Fehlleistungen historisch zu vermessen, - die Gegenwart entblößt sich dem möglichst objektiven Beobachter nach Norbert Elias sowieso erst in drei Generationen, d. h. wir leben (insbesondere heute) in der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ (Pinder), - vielmehr versucht er den Weg des Pfälzer Provinzburschen vom Dauerjungpolitiker bis hin zum Einigungspatriarchen Schritt für Schritt nachzugehen. Sein Essay ist damit vorrangig ein Psychogramm; brillant, wenn es auf den Menschen Kohl zu sprechen kommt. In Mainz notiere man, daß der Ministerpräsident [Kohl] eine makabere Befriedigung aus seinen Auftritten als Grabredner zog. Dem Schriftsteller Walter Kempowski vertraute er 1976 an, in einer fremden Stadt gehe er, wenn irgend möglich, auf den Friedhof.‘ [ …] Über das Friedhofsgefühl‘ schreibt Canetti, es sei fromme Sitte, sich über die Natur dieser Stimmung zu täuschen. Der Ernst, den man fühlt und noch mehr zur Schau trägt, verdeckt die Genugtuung des Überlebenden, der unter Toten spazieren geht. Es ist schwer, hier keine Überlegenheit zu fühlen; der naive Mensch, in dieser Situation, fühlt sie.‘“ In solchen Sätzen löst sich das Buch vom Individuum Kohl und nimmt die aufregende Gestalt einer Mentalitätsgeschichte an, die bisweilen in solche Denkwürdigkeiten wie In Monte Carlo war schließlich zuerst auch nur eine Würstchenbude“ mündet.
Naivität jedenfalls ist und war die Schwäche ebenso wie die Stärke von Helmut Kohl, er verließ sich lieber auf seine Menschenkenntnis‘ und auf seinen Instinkt als auf die Aussagen von Experten, was Bahners damit begründet, daß Helmut Kohl weder auf der Universität noch im Berufsleben [ …] Qualifikationen erworben [hatte], die ihn als Fachmann auswiesen“. Diese Theoriefeindlichkeit erhellt nicht nur Kohls intime Gegnerschaft zu Kurt Biedenkopf (dem Universitätsprofessor) und seine tiefe Abneigung gegen Gremien und Kabinettssitzungen, sie erklärt auch zu einem gewissen Teil die enormen politischen Fehleinschätzungen, die sich Kohl immer wieder zu Schulden kommen ließ, etwa bei der deutschen Wiedervereinigung, als dessen Motor er sich immer noch versteht: Als der CDU-Bundestagsabgeordnete Bernhard Friedmann dem Kanzler auf einer Fraktionssitzung im November 1986 die Frage vorlegte, ob die abrüstungspolitischen Fortschritte der Supermächte deutschlandpolitische Chancen eröffneten, mußte er sich die Beschimpfung gefallen lassen, er rede hirnrissigen Quatsch‘ und blühenden Unsinn‘.“ Unsinn - der Landschaft wurde.
Naivität, der grenzenlose Glaube an die Unersetzlichkeit der eigenen Person, ist jedoch auch die wesentliche Voraussetzung zur Macht. Sie überdeckt nicht nur peinlichste Niederlagen - etwa die Helmut Kohls am Wahlabend des 3. Oktober 1976, als dieser sich zum zukünftigen Bundeskanzler erklärte -, sie ist zugleich die eigentliche Triebfeder des politisch Handelnden. Wie an einem Regencape prallen an ihr Selbstzweifel und Kritik ab; wer Macht haben und erhalten will, darf nicht denken, sondern muß handeln - intuitiv. Helmut Kohl war insofern ein ausgezeichneter Parteipolitiker, der nicht nur die CDU reformierte, sondern auch alle seine Gegner im Inneren und Äußeren auszuschalten wußte - selbst frühere Partei- und Weggenossen wie Heiner Geißler. Sein Vorgehen war dabei fast immer dasselbe und stellt eine besondere Form des Handelns dar: Kohl saß die Dinge aus. Er blieb starr wie eine Buddhastatue, ließ Freund und Feind reden, kritisieren, mäkeln; selbstzufrieden thronte er über allem und ließ die Zeit für sich arbeiten. Kohl konnte deshalb nicht stürzen, weil er sich einfach nicht bewegte. Selbst die Affäre um den Vier-Sterne-General Günter Kießling, die einen Willy Brandt das Amt gekostet hätte, ließ Kohl unbeeindruckt. Sein grenzenloser Optimismus, seine Seelenruhe, die ihn alle Niederlagen vergessen ließ und zielstrebig zur einzigartigen Abwahl führte, hat im Nachhinein sogar etwas Gespenstisches, Unheimliches an sich: Seine [Kohls] Mahnung an die deutschen Bankiers, der Optimismus, der Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg möglich gewesen sei, müsse auch auf dem Bankentag möglich sein, ist als groteske Fehlleistung legendär.“
GottseiDank teilen die Bürger Kohls Optimismus nicht länger: Kohls Aussitzen‘ ist heute ebenso passé wie Berti Vogts‘ Zusetzen‘. Als ich in diesem Frühjahr Patrick Bahners traf und zu seinem Buch ausfragte, spekulierten wir lange über die Frage, ob der Zeitpunkt der Veröffentlichung - Kohls Abwahl - wohl ein günstiger sein wird. Er ist es! Denn allerorten wird derzeit bilanziert, wird Versäumtes entdeckt und werden Fehlentwicklungen hoffentlich korrigiert. Es scheint so, als ob in der Gesellschaft überhaupt erst jetzt das Bedürfnis entsteht, sich die vergangenen sechzehn Jahre zu vergegenwärtigen. Denn Helmut Kohl war leider mehr als bloß eine komische Person aus der satirischen Literatur der achtziger Jahre“, er war ein zäher, selbstverliebter Machtpolitiker à la Bismarck, der es bis an die Spitze der Bundesrepublik brachte. Möge er bloß nie mehr zurückkehren!

[Patrick Bahners: Im Mantel der Geschichte. Helmut Kohl oder Die Unersetzlichkeit. Siedler Verlag, Berlin 1998. 192 S., 34,90 DM.]

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