zurück
Marc Degens
für satt.org

B l i x a . .. . B a r g e l d
---Headcleaner---

Das vor mir liegende, sehr ansehnlich gestaltete und im Dunkeln leuchtende, durchgehend zweisprachige Buch [deutsch/englisch] ist ein schöner Reiseführer durch die Sprachwelten der Berliner Band „Einstürzende Neubauten". Es umfaßt beinah alle Songtexte, die der 1959 geborene Sänger, Autor, Schauspieler, Poetikdozent und Gelegenheitsfernsehkoch Blixa Bargeld in mehr als siebzehn Jahren für das ehemalige Aushängeschild der deutschen Avantgardemusik verfaßt hat. Neben den (nach nicht immer stringenten Kriterien) in einzelne Kapitel gruppierten Liedtexten bietet das Buch überdies auch Auszüge aus einem langen, bemerkenswerten Gespräch, das der Journalist Harry Lachner mit dem Autor führte. Diese an den Kapitelenden abgedruckten Interviewausschnitte beziehen sich jeweils auf die vorangegangenen Texte und liefern größtenteils aufschlußreiche Hintergrundinformationen und sogar weiterreichende Interpretationsansätze. Zum Abschluß gibt es sogar noch einen doppelseitigen graphischen Streckenplan, der die einzelnen abgedruckten Liedtexte miteinander verbindet - und den ich, obwohl ich ihn nicht verstanden habe, sehr hübsch finde, da er liebevoll gemacht wurde. „Headcleaner" ist somit eine wunderbare Fanreliquie für alle Liebhaber der „Einstürzende Neubauten". Schlußaus!

Ob es mehr sein wollte, weiß ich nicht. Als eigenständige, ernsthafte literarische Veröffentlichung taugt es aus mehreren Gründen nicht. Zum einen durch seine Fülle. Obwohl ich die frühen Platten der Band besser als ihre neuen finde, muß ich ehrlicherweise zugeben, daß die späteren Texte Bargelds fast durchweg ausgereifter und literarisch hochwertiger als die früheren sind. Daraus allein schon ergibt sich eine Kluft. Die Kluft zwischen sprachlich ausgefeilten, bildmächtigen und dichten Textgebilden einerseits (etwa „Sie“ und „Fiat lux") und spontanen, die Musik allein unterstützenden Wort- und Kreischmalereien andererseits (beispielsweise „Negativ nein“ und "Alles wird Muzak"). Überdies können endlose einzelne Wortwiederholungen im Gesang durchaus Atmosphäre schaffen, in der Schriftsprache aber nerven sie auf die Dauer. Weniger wäre hier mehr gewesen. Letztlich berauben auch die englischen Übersetzungen das Buch um eine größere literarische Reichweite. Sie sind zwar durchaus solide gemacht und geben eine Ahnung vom Inhalt, aber Gedichtzeilen wie „Dieses Einzellwesen entledigt sich“ oder „Der Präsident heult/am Grab des Elektrolahundes" kann man einfach nicht mit „this singular being bares itself" oder „The president howls/at the grave of the HMV dog“ übersetzen. Na gut, das wird den normalen Fan nicht stören und berührt sowieso das generelle Problem von lyrischen Übersetzungen, aber im vorliegenden Falle haben wir es nun einmal mit Literatur und zudem auch noch mit Lyrik zu tun.

Nichtsdestotrotz liefert das Buch einen ausführlichen Einblick in die hohe Sprachkunst des Blixa Bargelds und bekräftigt meine These, daß gerade durch die Personalunion Sänger/Texter eindrucksvolle Lyrik entstehen kann - und seit gut zwanzig Jahren in Deutschlands Popwelt entsteht. Insofern ist „Headcleaner“ tatsächlich mehr als nur eine wunderbare Fanreliquie.


[Blixa Bargeld: Headcleaner. Text für einstürzende Neubauten/text for collapsing new buildings. Die Gestalten-Verlag, Berlin 1997. dt./engl., 272 S., ca. 30,- DM.]

zurück