zurück
Marc Degens
für satt.org

Lou A. Probsthayn:
Die Welt ist Hund



Das populärste literarische Genre der Gegenwart ist der Kriminalroman! Und bereits seit mehr als fünfzig Jahren wird an dem klassischen Krimischema "Verbrechen - Tätersuche - Bestrafung" in unzähligen Werken herumfuhrwerkt, manchmal bis zur Unkenntlichkeit: Tatmotive entfallen oder werden psychologisiert, Schurken entkommen, Fälle bleiben ungelöst, selbst Delikte finden manchmal gar nicht mehr statt. Sogar im relativ bodenständigen Deutschland hat die Demontage dieses angloamerikanischen Genres eine lange Tradition: Dürrenmatt entmythologisierte, Handke schablonisierte und Artmann veralberte die Krimi-Literatur. Auch die Erzählung "Die Welt ist Hund" des siebenunddreißigjährigen, mittlerweile in Hamburg ansässigen Autors Lou A. Probsthayn - die sich als Kriminalroman ausgibt und von der liebevollen Umschlaggestaltung her an ein Kinderbuch erinnert - hat mit einem herkömmlichen Krimi soviel gemein wie Horst Schimanski mit einem Duisburger Polizeibeamten. Trotzdem oder gerade deshalb lohnt sich die Lektüre des Buches: falls der Leser auf Spannung verzichten kann und stattdessen lieber sprachlichen Irrwitz und surreale Logik in Kauf nimmt. Ausgangspunkt der Farce ist eine nicht stringente Überlegung: "Ein Hochhausviertel in Hamburg gleicht einem anderen Hochhausviertel in Hamburg, gleicht einem weiteren Hochhausviertel in Hamburg: Müßten dann nicht auch die Menschen in den Hochhausvierteln von Hamburg, London, Paris und New York identisch sein!?" Die angezeigte Marschrichtung der Erzählung wird im folgenden konsequent fortgeführt - am Ende entsteht ein Stück Literatur, das auf inhaltlicher Ebene teilweise nicht nachvollziehbar, häufig amüsant und stellenweise wirklich grandios ist. Doch getragen wird das Buch nicht so sehr von der grotesk-burlesken Handlung, sondern vielmehr von der außerordentlichen sprachlichen Schöpferkraft Probsthayns: "Der Jemand bog um die Ecke, mit einem Koffer in beiden Händen, es war ein Weib und Egal wurde zu einer weißen Wand. Zum Putz. Zum Lichtschalter. Auch zur Fußbodenleiste, und die Schuhe nahmen sofort das Grün des Linoleums an. Nur noch seine Augen waren zu sehen." Oder: "Ich werde nie mehr gehen, sagte Mutter laut. Nie mehr gehen. Egal schreckte auf. Aber es war ein Mißverständnis: Mutter meinte Beine, Egal meinte Leben." So klingen treffende und wohldosierte Formulierungen. Auch wenn der Autor in einigen Sätzen das Maß verliert und ins bodenlose kalauern verfällt ("Aber Einsame mußten sich Einsamen. Ein Verhängnis ohne Juliette Binoche."), muß man seine Sprachfertigkeit insgesamt hoch loben. Denn sie allein macht die Lektüre zu einem kurzweiligen Vergnügen. Und am Rande bekommt man sogar alles mitgeliefert, was einen echten Krimi auszeichnet: Morde, Opfer, Tatverdächtige. Selbst der Schuft wird am Schluß von dem Guten überführt (und erhält seine gerechte Strafe): durch Zufall zwar, doch auch Derrick hatte stets nur Glück! Das man beim Lesen aber auf diese Details eigentlich gar nicht so sehr achtet, ist eine Schwäche dieses Kriminalromanes und die Stärke dieses Buches.

[Lou A. Probsthayn: Die Welt ist Hund. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg 1997. 160 S., ca. 26,00 DM.]

Direktlink zur Bestellung bei Amazon:
Welt ist Hund
zurück