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Marc Degens
für satt.org

Mainstream der Minderheiten


Mix, Cuts & Scratches



Wir leben in einer Zeit, in der auf kulturell-künstlerischer Ebene alles geht. Das zentrale Beurteilungskriterium bildet heute allein der subjektive Geschmack. Noch im letzten Jahrhundert war dies anders: es existierten klare Formkriterien, die es uns ermöglichten, kreative Äußerungen schnell und sicher zu beurteilen. Zwei Dinge resultieren gegenwärtig aus diesem Umstand: zum einen eine ungeheure, nie dagewesene Vielfalt an kreativen Ausdrucksmöglichkeiten. Dies ist eindeutig eine Bereicherung. Zum anderen aber leiden viele Produzenten daran, daß ihnen klare Maßstäbe fehlen. Dies ist für die Kreativen tragisch, für uns, den Konsumenten, jedoch relativ unerheblich, weil wir ja die Wahl haben. Mich jedenfalls stört es nicht, daß es in meinen Augen viele schlechte Bands, Bücher, Comics, Bilder etc. gibt, da ja andererseits genug tolle Produkte existieren und ich zudem aus den Erzeugnissen der zurückliegenden Jahrhunderten zurückgreifen kann. Problematisch ist dieser Umstand aber für eine andere Gruppe: für die Kritiker. Denn ihr Ehrenkodex verbietet es, subjetiv zu urteilen. Stattdessen müssen sie objektiv bewerten, und vielleicht geht gerade das heute nicht mehr.

Kein anderes Genre verfällt so leicht in ein abgehobenes, intellektuelles Geschwafel wie der Popjournalismus. Ich kenne seitenlange Spex-Platten- und Buchbesprechungen, in denen ich unglaublich viel über Entwicklungspolitik, Multikulturalismus, zeitgenössische Philosophieströmungen und innerdeutsche Zustände erfahre, aber keine Zeile über die eigentlich zu behandelnde Musik. Manchmal wünsche ich mir, daß in den Kritiken allein steht, daß der Tonträger siebzehn Titel hat, 41 Minuten lang ist und sich genauso/ganz anders anhört wie sein Vorgänger. Mich beschleicht oftmals der Gedanke, daß sich die Popjournalisten nur deshalb hinter ihrer Intellektualität verschanzen, weil sie meinen, daß ihr Gegenstand zu banal ist. Und es mag durchaus sein, daß manche arrivierten Literatur- und Kunstkritiker auf diese Schreiber hinabblicken, doch die Leute, für die diese Journalisten schreiben, also für die Menschen, die gerne Popmusik hören, ist dieses Thema nicht banal.

Nun aber zu meinem Thema. Das Buch "Mainstream der Minderheiten", dessen Autoren sich hauptsächlich aus dem Spex-Umfeld rekrutieren, behandelt den "Pop in der Kontrollgesellschaft". Hier zeigt sich schon, woran das Buch auch ein wenig krankt (s.o.). Schon im Untertitel muß auf den französischen Philosophen Gilles Deleuze zurückgegriffen werden, der zwischen der Disziplinar- und Kontrollgeselschaft unterscheidet und "der den Maulwurf als das Tier der Disziplinargesellschaft und die Schlange als das der Kontrollgesellschaft bezeichnete". Ich könnte nun endlos darüber schreiben, daß Sätze wie "die schimmernde, flexibilisierte Gesellschaftszustände widerspiegelnde Smoothness der Produkt- und Unternehmensoberflächen kaschiert dramatische Rückschritte in bezug auf organisierte Arbeit und den Verlust erkämpfter sozialer Sicherheiten, aber auch manifeste Einbußen einer realen Chance auf ein affektives 'Investment' (Lawrence Grossberg) in Popkultur" stilistisch häßlich und inhaltlich uneindeutig, da interpretierbar sind. Doch ich würde dem Buch nicht gerecht werden, wenn ich mich ausschließlich mit diesen Unarten aufhalten würde, da dort vieles erwähnt und behandelt wird, was tatsächlich sehr bemerkenswert ist. Zum Beispiel, daß die Rave-Nation und insbesondere die Love-Parade nicht bloß kommerziell unterwandert ist, sondern sich die Industrie hier den Idealtyp des unkritischen, markenorientierten Verbrauchers realisiert. Denn es ist alles andere als ein demokratischer Erfolg, daß es einer tanzenden Masse, die "fit for fun" auf ihren Bannern trägt, gestattet wird, als politischer Demonstrationszug durch die Stadt zu laufen. Insofern geht es hier tatsächlich nicht um Musik, sondern u.a. um das fehlende kritische, politische Potential einer nachwachsenden Generation. Ich selber nehme auch gerne Drogen, habe Spaß und bewege meinen Fuß rhythmisch zur Musik, doch mit Pazifismus, Gesellschaftskritik oder weltweiter Solidarität hat dies nichts zu tun. Der vorbildliche Artikel "Miniaturstaat Rave-Nation" von Annette Weber, der die Techno-Community näher untersucht, kommt zu einem ernüchternden Fazit und zum Titel des Buches: daß sich der Mainstream als Minderheit darstellt – und dies nicht nur in musikalischer Hinsicht – um besser gekauft zu werden! Doch daß dies auch anders geht, daß nicht nur Mainstream und Minderheiten des Mainstreams existieren, zeigt Uli Hufen in seinem Aufsatz am Verfall des "Rock in der Sowjetunion. Von der Perestroika in die Bedeutungslosigkeit". Hier wird erklärt, daß es der sowjetischen Rockmusik seit Anfang der achtziger Jahre trotz aller staatlichen Einschränkungsversuche tatsächlich gelang, ein gesellschaftliches Mitspracherecht zu entwickeln, dieses aber nach dem Zerfall der Sowjetunion augenblicklich verklang und die heutigen russischen Charts von denen Englands und Deutschlands kaum zu unterscheiden sind. Dies läßt vielleicht den Rückschluß zu, daß Popmusik durchaus vorhandenes revolutionäres Potential artikulieren kann, aber eben doch keine Verbesserungsvorschläge oder Alternativen präsentiert und deshalb nie mehr als ein Symptom bleibt. Auf alle Fälle bietet das Buch "Mainstream der Minderheiten" eine Fülle von Anregungen, sich mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen (HipHop, Schlager) auseinanderzusetzen, ohne daß einem diese Stile gefallen müssen. Und unabhängig davon behandeln die lesenswerten Aufsätze von Dietmar Dath und Diedrich Diederichsen die allgemein vorhandenen utopischen Momente der Popmusik, insofern kann ich die Lektüre des Buches auch jenen Lesern empfehlen, die Popmusik nicht unbedingt gerne hören.

Dies ist beim nächsten Buch, "Mix, Cuts & Scratches" von Westbam und "unter Hilfe" von Rainald Goetz nicht der Fall; hier sollte man die thematisierte Musik von Westbam zumindest kennen, wenn nicht sogar mögen. Es geht um Techno- oder Rave-Musik, aber eben aus der Perspektive des Produzenten. Wir erfahren vieles über den Werdegang des Star-Djs und über seine Produktionsbedingungen - die Musik selbst bleibt allerdings außen vor. Ob Westbam nun Songs à la Oval, Marc' Oh oder Schlumpftechno macht, läßt sich nach der Lektüre nicht entscheiden, wir erfahren bloß, daß er dies mit dem Anspruch auf Originalität und Gesellschaftsanspruch macht. Nach der Lektüre des Buches hat man folgenden Eindruck: Da ist jemand, der, wie er gerne auch an Verkaufszahlen herausstellt, Hit an Hit produziert, weil ihm das wichtig ist, da er seine Musik für Menschen produziert, was ja auch ganz okay ist, andererseits aber hält dieser Mensch kommerzielle Musik für etwas Schlechtes – der übliche zwei-Seelen-Mist eben und Westbam mittendrin. Es ist ja auch nichts Schlimmes dabei, wenn Westbam die Subkulturundergroundkonservativen oder die Musik-mach-ich-nur-für-mich-Kommerz-ist-was-total-Doofes-Produzenten angreift, wenn er sich damit aber rechtfertigt, daß er die "wahre Kultur und die wahre Kunst" produziert, dann ist das peinlich. Und noch peinlicher ist der doppelte Abdruck verschiedener, frühester Zeitschriftenartikel von Westbam, in denen er sich immer wieder als Avantgardisten präsentiert. Den einmaligen Abdruck als Originalfaksimile auf einer Seite hätte man sich ja noch als illustrative Auflockerung gefallen lassen, daß aber danach diese pubertären Pamphlete (die man auch von Blixa Bargeld kennt) noch einmal richtig schön abgetippt dastehen, ist überflüssig. Daß die meisten in dem Buch abgedruckten Texte aber im Gespräch mit dem Sprachvirtuosen Rainald Goetz entstanden, reißt sie zumindest stilistisch heraus, wenngleich dieser Umstand für Goetz wiederum zu bedauern ist, denn er hätte seine Zeit auch sinnvoller verbringen können. Aber eine bessere Werbung für seine demnächst erscheinende Erzählung "Rave" gibt es ja eigentlich nicht, als kurz vorher ein Buch mit einem Techno-Popstar zu verfassen. Wie auch immer, "Mix, Cuts & Scratches" ist ein Werk für ausgewiesene Westbam-Fans, die mit Kapiteln wie " 4.3.65 Die Konstellation, die ich nun einmal darstelle" etwas anfangen können. Daß dieses Buch nicht als Bravo-Sonderheft, sondern ausgerechnet in der Reihe erscheint, wo ansonsten hauptsächlich die französischen Philosophen veröffentlichen, von denen sich die Popjournalisten so gerne bedienen, demonstriert wiederum nur eines: heute geht einfach alles.
(Tom Holert; Mark Terkessidis (Hrsg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin 1996.
Westbam: Mix, Cuts & Scratches mit Rainald Goetz. Berlin 1997.)
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