Mainstream der Minderheiten
Mix,
Cuts & Scratches
Wir
leben in einer Zeit, in der auf kulturell-künstlerischer
Ebene alles geht. Das zentrale Beurteilungskriterium bildet
heute allein der subjektive Geschmack. Noch im letzten Jahrhundert
war dies anders: es existierten klare Formkriterien, die es uns
ermöglichten, kreative Äußerungen schnell und
sicher zu beurteilen. Zwei Dinge resultieren gegenwärtig
aus diesem Umstand: zum einen eine ungeheure, nie dagewesene
Vielfalt an kreativen Ausdrucksmöglichkeiten. Dies ist eindeutig
eine Bereicherung. Zum anderen aber leiden viele Produzenten
daran, daß ihnen klare Maßstäbe fehlen. Dies ist für die Kreativen tragisch, für
uns, den Konsumenten, jedoch relativ unerheblich, weil
wir ja die Wahl haben. Mich jedenfalls stört es nicht, daß
es in meinen Augen viele schlechte Bands, Bücher,
Comics, Bilder etc. gibt, da ja andererseits genug tolle Produkte
existieren und ich zudem aus den Erzeugnissen der zurückliegenden Jahrhunderten zurückgreifen
kann. Problematisch ist dieser Umstand aber für eine
andere Gruppe: für die Kritiker. Denn ihr Ehrenkodex verbietet
es, subjetiv zu urteilen. Stattdessen müssen
sie objektiv bewerten, und vielleicht geht gerade das heute
nicht mehr. Kein anderes Genre verfällt so leicht in ein
abgehobenes, intellektuelles Geschwafel wie der Popjournalismus.
Ich kenne seitenlange Spex-Platten- und Buchbesprechungen, in denen
ich unglaublich viel über Entwicklungspolitik, Multikulturalismus,
zeitgenössische Philosophieströmungen und innerdeutsche
Zustände erfahre, aber keine Zeile über die eigentlich
zu behandelnde Musik. Manchmal wünsche ich mir, daß
in den Kritiken allein steht, daß der Tonträger siebzehn
Titel hat, 41 Minuten lang ist und sich genauso/ganz anders anhört
wie sein Vorgänger. Mich beschleicht oftmals der Gedanke,
daß sich die Popjournalisten nur deshalb hinter ihrer Intellektualität
verschanzen, weil sie meinen, daß ihr Gegenstand zu banal
ist. Und es mag durchaus sein, daß manche arrivierten Literatur-
und Kunstkritiker auf diese Schreiber hinabblicken,
doch die Leute, für die diese Journalisten schreiben, also
für die Menschen, die gerne Popmusik hören, ist dieses
Thema nicht banal.
Nun aber zu meinem Thema. Das Buch "Mainstream der Minderheiten",
dessen Autoren sich hauptsächlich aus dem Spex-Umfeld rekrutieren,
behandelt den "Pop in der Kontrollgesellschaft". Hier
zeigt sich schon, woran das Buch auch ein wenig krankt (s.o.).
Schon im Untertitel muß auf den französischen Philosophen
Gilles Deleuze zurückgegriffen werden, der zwischen der
Disziplinar- und Kontrollgeselschaft unterscheidet und "der
den Maulwurf als das Tier der Disziplinargesellschaft und die
Schlange als das der Kontrollgesellschaft bezeichnete". Ich könnte nun endlos darüber schreiben, daß Sätze wie
"die schimmernde, flexibilisierte Gesellschaftszustände
widerspiegelnde Smoothness der Produkt- und Unternehmensoberflächen
kaschiert dramatische Rückschritte in bezug auf organisierte
Arbeit und den Verlust erkämpfter sozialer Sicherheiten,
aber auch manifeste Einbußen einer realen Chance auf ein
affektives 'Investment' (Lawrence Grossberg) in Popkultur"
stilistisch häßlich und inhaltlich uneindeutig, da interpretierbar
sind. Doch ich würde dem Buch nicht gerecht werden, wenn
ich mich ausschließlich mit diesen Unarten aufhalten würde,
da dort vieles erwähnt und behandelt wird, was tatsächlich
sehr bemerkenswert ist. Zum Beispiel, daß die Rave-Nation
und insbesondere die Love-Parade nicht bloß kommerziell
unterwandert ist, sondern sich die Industrie hier den Idealtyp
des unkritischen, markenorientierten Verbrauchers realisiert.
Denn es ist alles andere als ein demokratischer Erfolg, daß
es einer tanzenden Masse, die "fit for fun" auf ihren
Bannern trägt, gestattet wird, als politischer Demonstrationszug
durch die Stadt zu laufen. Insofern geht es hier tatsächlich
nicht um Musik, sondern u.a. um das fehlende kritische, politische
Potential einer nachwachsenden Generation. Ich selber nehme auch
gerne Drogen, habe Spaß und bewege meinen Fuß rhythmisch
zur Musik, doch mit Pazifismus, Gesellschaftskritik oder weltweiter
Solidarität hat dies nichts zu tun. Der vorbildliche Artikel
"Miniaturstaat Rave-Nation" von Annette Weber, der
die Techno-Community näher untersucht, kommt zu einem ernüchternden
Fazit und zum Titel des Buches: daß sich der Mainstream
als Minderheit darstellt – und dies nicht nur in musikalischer
Hinsicht – um besser gekauft zu werden! Doch daß dies auch
anders geht, daß nicht nur Mainstream und Minderheiten
des Mainstreams existieren, zeigt Uli Hufen in seinem Aufsatz
am Verfall des "Rock in der Sowjetunion. Von der Perestroika
in die Bedeutungslosigkeit". Hier wird erklärt, daß
es der sowjetischen Rockmusik seit Anfang der achtziger
Jahre trotz aller staatlichen Einschränkungsversuche tatsächlich
gelang, ein gesellschaftliches Mitspracherecht zu entwickeln,
dieses aber nach dem Zerfall der Sowjetunion augenblicklich verklang
und die heutigen russischen Charts von denen Englands und Deutschlands
kaum zu unterscheiden sind. Dies läßt vielleicht den Rückschluß
zu, daß Popmusik durchaus vorhandenes revolutionäres
Potential artikulieren kann, aber eben doch keine Verbesserungsvorschläge
oder Alternativen präsentiert und deshalb nie mehr als ein
Symptom bleibt. Auf alle Fälle bietet das Buch "Mainstream
der Minderheiten" eine Fülle von Anregungen, sich mit
den unterschiedlichsten Musikrichtungen (HipHop, Schlager) auseinanderzusetzen,
ohne daß einem diese Stile gefallen müssen. Und unabhängig
davon behandeln die lesenswerten Aufsätze von Dietmar Dath
und Diedrich Diederichsen die allgemein vorhandenen utopischen
Momente der Popmusik, insofern kann ich die Lektüre des
Buches auch jenen Lesern empfehlen, die Popmusik nicht unbedingt
gerne hören.
Dies ist beim nächsten Buch, "Mix, Cuts & Scratches"
von Westbam und "unter Hilfe" von Rainald Goetz nicht der Fall; hier
sollte man die thematisierte Musik von Westbam zumindest kennen,
wenn nicht sogar mögen. Es geht um Techno- oder Rave-Musik,
aber eben aus der Perspektive des Produzenten. Wir erfahren vieles
über den Werdegang des Star-Djs und über seine Produktionsbedingungen
- die Musik selbst bleibt allerdings außen vor. Ob Westbam
nun Songs à la Oval, Marc' Oh oder Schlumpftechno macht,
läßt sich nach der Lektüre nicht entscheiden,
wir erfahren bloß, daß er dies mit dem Anspruch auf
Originalität und Gesellschaftsanspruch macht. Nach der Lektüre des Buches hat man folgenden
Eindruck: Da ist jemand, der, wie er gerne auch an Verkaufszahlen
herausstellt, Hit an Hit produziert, weil ihm das wichtig ist,
da er seine Musik für Menschen produziert, was ja auch ganz
okay ist, andererseits aber hält dieser Mensch kommerzielle
Musik für etwas Schlechtes – der übliche zwei-Seelen-Mist
eben und Westbam mittendrin. Es ist ja auch nichts Schlimmes dabei,
wenn Westbam die Subkulturundergroundkonservativen oder die Musik-mach-ich-nur-für-mich-Kommerz-ist-was-total-Doofes-Produzenten
angreift, wenn er sich damit aber rechtfertigt, daß er
die "wahre Kultur und die wahre Kunst" produziert,
dann ist das peinlich. Und noch peinlicher ist der doppelte Abdruck
verschiedener, frühester Zeitschriftenartikel von Westbam,
in denen er sich immer wieder als Avantgardisten präsentiert.
Den einmaligen Abdruck als Originalfaksimile auf einer Seite
hätte man sich ja noch als illustrative Auflockerung gefallen
lassen, daß aber danach diese pubertären Pamphlete
(die man auch von Blixa Bargeld kennt) noch einmal richtig schön
abgetippt dastehen, ist überflüssig. Daß die meisten in dem
Buch abgedruckten Texte aber im Gespräch mit dem Sprachvirtuosen
Rainald Goetz entstanden, reißt sie zumindest stilistisch
heraus, wenngleich dieser Umstand für Goetz wiederum
zu bedauern ist, denn er hätte seine Zeit auch sinnvoller
verbringen können. Aber eine bessere Werbung für seine
demnächst erscheinende Erzählung "Rave" gibt
es ja eigentlich nicht, als kurz vorher ein Buch mit einem Techno-Popstar
zu verfassen. Wie auch immer, "Mix, Cuts & Scratches"
ist ein Werk für ausgewiesene Westbam-Fans, die mit Kapiteln
wie " 4.3.65 Die Konstellation, die ich nun einmal
darstelle" etwas anfangen können. Daß
dieses Buch nicht als Bravo-Sonderheft, sondern ausgerechnet
in der Reihe erscheint, wo ansonsten hauptsächlich die französischen
Philosophen veröffentlichen, von denen sich die Popjournalisten
so gerne bedienen, demonstriert wiederum nur eines: heute geht
einfach alles.
(Tom Holert; Mark Terkessidis (Hrsg.):
Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft.
Berlin 1996. Westbam: Mix, Cuts & Scratches mit Rainald Goetz.
Berlin 1997.)
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