Michael
Rutschky: Die Meinungsfreude
Jeder, der mich kennt, oder zumindest eine Handvoll Texte von mir
gelesen hat, weiß, daß ich jahrelang schwer an einem
Max Goldt-Komplex zu schleppen hatte. Zwar ist dieser nun
GottseiDank endlich abgelegt, doch, o weh, noch bin ich nicht
frei, denn meine neue seelisch-geistige Erschütterung
heißt Michael Rutschky. Dieser
vierundfünfzigjährige, trotz aller
Definitionsschwierigkeiten links anzusiedelnde Berliner
Schriftsteller, Fotograf und Filmemacher ist nicht nur der
Herausgeber der überaus empfehlenswerten Kulturzeitschrift
Der Alltag und darüberhinaus einer der brilliantesten
Chronisten der bundesrepublikanischen Gegenwart, sondern zudem ein
solcher Tausendsassa, - der sich ungemein sicher auf beinah allen
Zeitschriften-, Zeitungs-, Radio- und Fernsehbühnen bewegt, -
daß ich mindestens einmal pro Woche auf ihn und damit auf
den Kern meines Problemes stoße. Doch genug geklagt, denn
ich will ja lobpreisen und huldigen!
1980 veröffentlichte Michael Rutschky die Zeitdiagnose
"Erfahrungshunger - Ein Essay über die siebziger Jahre", und
dieses Buch zählt in meinen Augen zu den besten literarischen
Werken seit 1945. Doch genau hierüber kann man sich streiten,
denn ist seine Art des soziologischen Bilanzierens und
Erklärens überhaupt noch literarisch? Ja, denn es
knüpft bewußt oder unbewußt an die
Erzähltradition eines Robert Musils an, wenngleich weniger
kunstvoll, doch extrem kurzweiliger als Musil dies im "Mann ohne
Eigenschaften" tat. Zwar greift Rutschky immer nur auf die
Wirklichkeit zurück, nimmt tatsächlich existierende
Personen (mein Freund S., die Schriftstellerin W.), stutzt sie
zusammen und konstruiert kunstfertig und wunschgerecht einen
Textzusammenhang um sie herum, doch das Endprodukt wirkt immer so
ideal, daß es allein fiktiv und damit also literarisch sein
kann. Und außerdem, anders als es Essayisten normalerweise
tun, setzt er beim Schreiben seinen außergewöhnlich
scharfzüngigen, hellhörigen Humor ein, der, fern von
jedem Zynismus, nie den Ernst des jeweiligen Anliegens
untergräbt. Diese beiden selten in der literarischen Welt
anzutreffenden Eigenschaften, gepaart mit seiner erstaunlich
gescheiten Auffassungsgabe, ergeben eine menschliche Prosa, die
heiter, aufrichtig, klug und elegant zugleich ist, sich aber nie
von seinem eigentlichen Thema wegbewegt. Michael Rutschky ist
somit ein Daseinsforscher, der seine Themen nicht aus der Frosch-
oder Vogelperspektive, sondern nur face-to-face betrachtet.
Wow!
Sein neues Buch "Die Meinungsfreude" versammelt dreißig
anthropologische, fürs Radio verfaßte Texte (Features!)
von unterschiedlicher, aber gleichbleibend hoher Qualität.
Insbesondere der Umstand, daß sie in erster Linie für
die Ohren gedacht sind, macht die Lektüre so angenehm.
Daß man alle vier bis fünf Seiten absetzen und sich
danach einem neuen Thema zuwenden muß, ist das einzige Manko
des Buches. Ich hätte mir gewünscht, daß Michael
Rutschky endlich wieder ein großes Prosaprojekt in Angriff
nimmt, doch dies zu beklagen, ist angesichts der abgedruckten
Sprach- und Denkjuwelen mehr als ungerecht! An dieser Stelle macht
es übrigens auch keinen Sinn, auf die einzelnen Texte
innerhalb einer Buchbesprechung näher einzugehen, da die
Erörterung der geistreichen Aufsätze ihre eigentliche
Länge um ein Vielfaches sprengen würde. Denn das
Bemerkenswerte an wirklich guten Essays ist ja gerade die
Tatsache, daß sie komplexe Sinne knapp und elegant in
Sprache bannen. Meine Unfähigkeit, die
gesellschaftskritischen Texte
hier kurz unter einem Hut zusammenzubringen, ist also gleichzeitig
ein Beweis ihrer Größe. Nur soviel, Stichworte im
Zusammenhang sind Begriffe wie "Grußarbeit",
"Tränenseligkeit", "Autorenproletariat" und "Konsumismus".
Wer Näheres hierzu wissen will, soll und muß einfach in
das Buch hineinschauen.
[Michael Rutschky: Die Meinungsfreude.
Steidl Verlag, Göttingen 1997. 156 S., 24,80 DM.]
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