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Marc Degens
für satt.org

American Snackbar Dortmund

Weißheitszähne vor die Säue: "Die dunkle Seite eines Hippies"



»Wowwowwow, endlich hat sich ein Bastard gefunden, der diese verfickt-geile und abgefahr'n-bepisste Welt mit seinen eigenen Worten treffsicher wie ein Mafiakiller beschreiben kann; sein Name: Grobilyn Marlowe, sein Beruf: Schriftsteller. O Mann, er scheint aus dem Dreiecksverhältnis von Robert Anton Wilson, Lydia Lunch und Big Gotthabihnselig! Charly entstanden zu sein - seine Texte jedenfalls sind so gesalzen wie die Preise der Telekom. Sein Debüt "Die dunkle Seite eines Hippies" bohrt im Nerv unserer Generation wie David Copperfield in Cowdia Schiffer. Wer wirklich wissen will, was das Leben an Scheiße und Drogen zu bieten hat, der muß dieses verteufelt-heilige Buch einfach lesen!«

So kann man über den ersten Prosaband des jungen Dortmunder Autors Grobylin Marlowe urteilen, falls man alle literarischen Kriterien beiseite schiebt; da an diesem Ort aber nicht seine Gesinnungen, sondern seine Texte auf dem Prüfstand stehen, kommt man zwangsläufig zu einer anderen Bewertung.
Literatur besteht aus Form und Inhalt. Auch wenn die Vor- und Nachworte des Buches (von Oliver Bopp und Fello F.) Marlowe als "erfrischend" "sprachgewaltig" ausweisen, stellt man rasch fest, daß die versammelten "dreiundzwanzig Stories" ausgerechnet die Sprache von ihrer dunkelsten Seite präsentieren. Daß manche Situationen erotisch pikant sein können, weiß jeder Groschenromanleser, daß sie aber "einer gewissen erotischen Pikanz" (statt Pikanterie) nicht entbehren, wußten sicherlich die wenigsten. Naja, diesen lexikalischen Fehltritt wird man sicherlich noch mit der Jugend und überschäumenden Phantasie des Autors entschuldigen können, doch leider reihen sich die Ausrutscher in diesem Buch zu einem Gang über das Bodenlose. Der Satz "Nach einer Nacht ( …) riß uns morgens das Telefon aus dem Koma wie einen Weißheitszahn aus dem Kiefer." paart zwar unfreiwilligen Witz und Tölpelei so elegant wie die ungelenken Bonmots eines Heinrich Lübke (oder eben ein Weißheitszahn aus dem Kiefer), und natürlich erahnen wir, was gemeint ist -daß das Telefon uns grausam, schrecklich plackend folternd aus dem Koma riß- jedoch kann (muß) Literatur mehr als eine grobe Vorstellung von dem abliefern, was gemeint sein könnte. Dies klingt vielleicht oberlehrerhaft, jedoch muß man sich vor Augen halten, daß Marlowe sich der Kritik freiwillig unterzog, in dem er mit einem Buch an die Öffentlichkeit trat.
Auch inhaltlich können mich die Geschichten nicht überzeugen; vielleicht wird man einige Stellen als lustig einstufen, aber nur dann, wenn man sich die von Woody Allen persiflierte Maxime "Humor ist Tragödie plus Zeit" zu eigen machte. Die im Vorwort von Oliver Bopp versprochene "Vordenkerfunktion (ohne Filter)" oder den "Hirn-Kick" habe ich jedenfalls vergeblich gesucht. Und eine Antwort auf den "Sinn des Lebens", lieber Oliver Bopp, fordert längst kein Leser mehr der Literatur ab, dafür gibt es doch die Bibel, die Bhagavadgïtã, den Koran oder das I Ging. Aber ein wenig mehr als lieb- und leblos hingehauchte Kritik und Selbstironie, die deshalb quasi gar nicht vorhanden ist, muß man gerade von der alternativen Literatur erwarten können. Wie sonst soll sie eine Existenzberechtigung erhalten? Dieses Buch allerdings nährt nur das Vorurteil, daß Untergrundliteratur ganz zu Recht ein Schattendasein fristet, da sie von Sprache und Erzählaufbau keinen blassen Schimmer hat. Dem ist aber nicht so, denn die Gesellschaftsnische, in der diese Art Literatur keimt, bietet eine Menge Nachteile, aber auch einen unschätzbaren Vorteil: die formale und andersdenkende Freiheit. Leider wurde sie in diesem Werk statt genutzt einzig mißbraucht.
Vielleicht liegt dies an den Vorbildern des Autors. Doch es ist ganz egal, ob man Rilke, Kerouac, Trakl oder Bukowski imitiert, etwas Eigenständiges wird dabei nie entstehen. Gerade die amerikanische Beatliteratur, zu der sich offensichtlich auch Grobilyn Marlowe hingezogen fühlt (was das Umschlagbild -Autor mit Pulle am Hals- und sein Name nachdrücklich bestätigt), verleitet zu dem Irrtum, daß der Epigone etwas vollständig Neues kreiert, obwohl gerade die Jahrzehnte alten Avantgarden längst vom Es ablishment ausgesaugt wurden.
"Die dunkle Seite eines Hippies" ist sprachlich schlecht und inhaltlich dürftig, da nur gering unterhaltend. Unzumutbar wird es aber allein wegen der inkompetent begleitenden Worte. Ja, selbst wenn man nur ein Vor- oder Nachwort schreibt, sollte man von der Materie Ahnung haben. Mit ihren Kommentaren haben die Autoren Marlowe einzig einen Bärendienst geleistet. Und sollte dieses Buch wirklich "eine Perle im literarischen Untergrund" (Fello F.) sein, dann gehört es verdientermaßen in den Hintergrund, in das literarische Abseits. "Und kein Oderaber." (Fello F.)

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Grobilyn Marlowe: Die dunkle Seite eines Hippies.
23 Stories. Kopfzerschmettern, Hanau 1996. 96 S., 15,00 DM

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