American Snackbar Dortmund
Weißheitszähne vor die
Säue: "Die dunkle Seite eines Hippies"
»Wowwowwow, endlich hat sich ein Bastard gefunden, der diese
verfickt-geile und abgefahr'n-bepisste Welt mit seinen eigenen
Worten treffsicher wie ein Mafiakiller beschreiben kann; sein
Name: Grobilyn Marlowe, sein Beruf: Schriftsteller. O Mann, er
scheint aus dem Dreiecksverhältnis von Robert Anton Wilson,
Lydia Lunch und Big Gotthabihnselig! Charly entstanden zu sein -
seine Texte jedenfalls sind so gesalzen wie die Preise der
Telekom. Sein Debüt "Die dunkle Seite eines Hippies" bohrt im
Nerv unserer Generation wie David Copperfield in Cowdia Schiffer.
Wer wirklich wissen will, was das Leben an Scheiße und
Drogen zu bieten hat, der muß dieses verteufelt-heilige Buch
einfach lesen!«
So kann man über den ersten Prosaband des jungen Dortmunder
Autors Grobylin Marlowe urteilen, falls man alle literarischen
Kriterien beiseite schiebt; da an diesem Ort aber nicht seine
Gesinnungen, sondern seine Texte auf dem Prüfstand stehen,
kommt man zwangsläufig zu einer anderen Bewertung.
Literatur besteht aus Form und Inhalt. Auch wenn die Vor- und
Nachworte des Buches (von Oliver Bopp und Fello F.) Marlowe als
"erfrischend" "sprachgewaltig" ausweisen, stellt man rasch fest,
daß die versammelten "dreiundzwanzig Stories" ausgerechnet
die Sprache von ihrer dunkelsten Seite präsentieren.
Daß manche Situationen erotisch pikant sein können,
weiß jeder Groschenromanleser, daß sie aber "einer
gewissen erotischen Pikanz" (statt Pikanterie) nicht entbehren,
wußten sicherlich die wenigsten. Naja, diesen lexikalischen
Fehltritt wird man sicherlich noch mit der Jugend und
überschäumenden Phantasie des Autors entschuldigen
können, doch leider reihen sich die Ausrutscher in diesem
Buch zu einem Gang über das Bodenlose. Der Satz "Nach einer
Nacht ( …) riß uns morgens das Telefon aus dem Koma wie
einen Weißheitszahn aus dem Kiefer." paart zwar
unfreiwilligen Witz und Tölpelei so elegant wie die
ungelenken Bonmots eines Heinrich Lübke (oder eben ein
Weißheitszahn aus dem Kiefer), und natürlich erahnen
wir, was gemeint ist -daß das Telefon uns grausam,
schrecklich plackend folternd aus dem Koma riß- jedoch kann
(muß) Literatur mehr als eine grobe Vorstellung von dem
abliefern, was gemeint sein könnte. Dies klingt vielleicht
oberlehrerhaft, jedoch muß man sich vor Augen halten,
daß Marlowe sich der Kritik freiwillig unterzog, in dem er
mit einem Buch an die Öffentlichkeit trat.
Auch inhaltlich können mich die Geschichten nicht
überzeugen; vielleicht wird man einige Stellen als lustig
einstufen, aber nur dann, wenn man sich die von Woody Allen
persiflierte Maxime "Humor ist Tragödie plus Zeit" zu eigen
machte. Die im Vorwort von Oliver Bopp versprochene
"Vordenkerfunktion (ohne Filter)" oder den "Hirn-Kick" habe ich
jedenfalls vergeblich gesucht. Und eine Antwort auf den "Sinn des
Lebens", lieber Oliver Bopp, fordert längst kein Leser mehr
der Literatur ab, dafür gibt es doch die Bibel, die
Bhagavadgïtã, den Koran oder das I Ging. Aber ein
wenig mehr als lieb- und leblos hingehauchte Kritik und
Selbstironie, die deshalb quasi gar nicht vorhanden ist, muß
man gerade von der alternativen Literatur erwarten können.
Wie sonst soll sie eine Existenzberechtigung erhalten? Dieses Buch
allerdings nährt nur das Vorurteil, daß
Untergrundliteratur ganz zu Recht ein Schattendasein fristet, da
sie von Sprache und Erzählaufbau keinen blassen Schimmer hat.
Dem ist aber nicht so, denn die Gesellschaftsnische, in der diese
Art Literatur keimt, bietet eine Menge Nachteile, aber auch einen
unschätzbaren Vorteil: die formale und andersdenkende
Freiheit. Leider wurde sie in diesem Werk statt genutzt einzig
mißbraucht.
Vielleicht liegt dies an den Vorbildern des Autors. Doch es ist
ganz egal, ob man Rilke, Kerouac, Trakl oder Bukowski imitiert,
etwas Eigenständiges wird dabei nie entstehen. Gerade die
amerikanische Beatliteratur, zu der sich offensichtlich auch
Grobilyn Marlowe hingezogen fühlt (was das Umschlagbild
-Autor mit Pulle am Hals- und sein Name nachdrücklich
bestätigt), verleitet zu dem Irrtum, daß der Epigone
etwas vollständig Neues kreiert, obwohl gerade die Jahrzehnte
alten Avantgarden längst vom Es ablishment ausgesaugt
wurden.
"Die dunkle Seite eines Hippies" ist sprachlich schlecht und
inhaltlich dürftig, da nur gering unterhaltend. Unzumutbar
wird es aber allein wegen der inkompetent begleitenden Worte. Ja,
selbst wenn man nur ein Vor- oder Nachwort schreibt, sollte man
von der Materie Ahnung haben. Mit ihren Kommentaren haben die
Autoren Marlowe einzig einen Bärendienst geleistet. Und
sollte dieses Buch wirklich "eine Perle im literarischen
Untergrund" (Fello F.) sein, dann gehört es
verdientermaßen in den Hintergrund, in das literarische
Abseits. "Und kein Oderaber." (Fello F.)
________________________________________________
Grobilyn Marlowe: Die dunkle Seite eines Hippies.
23 Stories. Kopfzerschmettern, Hanau 1996. 96 S., 15,00 DM
|