Anzeige:
Anzeige:
Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman



zurück
Marc Degens
für satt.org

Der Wanderer im Café Kosmos

In den Steinbrüchen der Moderne:
D.Holland-Moritz
Der Weg durch Gegenwelten


Der in Berlin lebende Schriftsteller D.Holland Moritz wurde 1954 geboren und entspringt damit dem selben Jahrgang wie Rainald Goetz oder Christoph Ransmayr. Daß er leider nicht so erfolgreich wie die genannten Autoren ist, rührt vielleicht daher, daß seine Texte teilweise eine bizarre, originelle Mischung aus den Eigenheiten und Vorlieben der jeweils gleichaltrigen Schriftstellers darstellen.
Mit Christoph Ransmayr, dem Autor von Die letzte Welt und Morbus Kitahara, teilt er die Vorliebe für exotische Schauplätze. D.Holland-Moritzs kosmopolitischer Protagonist verweilt oder verweilte so in den neun sehr unterschiedlichen Erzählungen in Prag, Mexiko, Moskau, Glasgow, Paris, auf der Parallel-Venus und in vielen anderen Ortschaften dieses Universums. Leider kann D.Holland-Moritz nicht in allen Geschichten die Atmosphäre der jeweiligen Lokalitäten so präzise und dicht verwoben wie in der ersten und besten Erzählung Der Staub der Stadt schildern, in der er mit Hilfe seiner geschliffen klaren Sprache und gepaart mit seinen geduldigen Beobachtungen eine wirklich wunderbare Festschreibung der Stadt Prag in all ihrer morbiden Schönheit erschafft. In den meisten anderen Erzählungen dienen die Räumlichkeiten und erwähnten Orte nur als Ornamente; sie hinterlassen keinen bleibenden Eindruck und vermitteln nur wenig Lebensgefühl.
Der starke Bezug auf Städte, Landschaften und Architektur spiegelt sich in den ausführlichen Reisen D.Holland-Moritz durch die Popkultur, die ihn wiederum in die Nähe zu Rainald Goetz stellen, von dem ebenfalls mit Musik unterlegte, vom Autor selbst gesprochene Texte auf CD vorliegen. Höhepunkt dieser phantastischen Wanderungen in die Zentren unserer Popkultur ist die Erzählung The winds of change, eine treffend charakterisierte Songtitel-Story, in der tatsächlich fast jeder Satz eine Liedzeile oder eben ein Songtitel von Velvet Underground, Jimi Hendrix, The Doors, Led Zeppelin, Bob Dylan oder sogar Public Image Limited (!) ist. Aber auch ansonsten treffen wir viele bekannte Gestalten wieder, etwa die Acid-Queen von The Who. All diese herbeizitierten Personen und Beschreibungen verraten eindeutig, welcher Zeit D.Holland-Moritz entstammt und wessen Kind er ist.
Allerdings birgt dieses großzügige Plündern in den Steinbrüchen oder in den Abfallbergen der Popkultur einige Gefahren in sich. Zum einen überholt einen schnell Zeit und Mode, und unerwartet steht man vor einem großen Haufen verblaßter Metaphern, die einen als zeitgenössisches Relikt vergangener Epochen enttarnen. Andererseits (, was viel gefährlicher ist,) kann man leicht in einen Rezeptionskanon hineinrutschen, der dem Verfaßten die Originalität und somit das eigentlich interessante Kurzweilige raubt. In einigen Erzählungen verfiel D.Holland-Moritz diesem Sog. Was aber selbst so inhaltlich langweilige Dürrestrecken wie die in der Geschichte Die Nacktheit dieser Lieder oder in Die Waisen des Universums lesenswert macht, ist die elegante, mustergültige Sprache. D.Holland-Moritz hat sein Handwerk eben gelernt. Und daß er sogar ein Germanistikstudium erfolgreich abgeschlossen hat, war seiner Prosa sicherlich auch nicht abträglich, was viele Leser und Schreiber immer wieder gern zu Unrecht behaupten. D.Holland-Moritz hat mit diesem Buch eine schöne Sammlung essayistischer und imaginierter Reisebeschreibungen vorgelegt, die vor allen Dingen wegen ihrer ausgesucht schönen Sprache gefallen und die hauptsächlich deshalb dem Essay nahestehen. Sicherlich wird dieses mit stimmungsvollen Fotos von Heike Ollertz bebilderte schmale Bändchen kein Klassiker der Weltliteratur werden, aber ein kleines Juwel ist es sicherlich schon.

________________________________________________

D.Holland-Moritz: Der Weg durch Gegenwelten und eine Bonus-Story.
Martin Schmitz Verlag, Kassel; Berlin 1995. 96 Seiten, br., 20 DM.

zurück