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Februar 2002
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Das Fest des Lebens
Anthologie zeitgenössischer französischer Dichtung

4 Bände, französisch-deutsch

In jedem Band werden 16 Autorinnen und Autoren vorgestellt.


Pierre Garnier:
Die unbefleckte Empfängnis

Erschienen im:
Verlag im Wald

Some freshmen? Some frenchmen
Lyrik von nebenan


Zeitgenössische ausländische Lyrik in zweisprachigen Ausgaben. Jedem Verleger werden sich bei diesem Satz die Nackenhaare hochstellen. Man müsste eigentlich jedes Wort großschreiben und mit einem Ausrufezeichen versehen, um zu bekräftigen, dass es wirklich wahr ist, was man da zu annoncieren hat.

Lyrik hat eh schon einen schweren Stand, ist sie dann aber auch noch fremdsprachig und aktuell, wird das Interesse an diesem Produkt geradezu kriminell gering - ganz anders ist es etwa bei Romanen, da kann selbst der Krimi aus Katar noch zum Knüller werden. Könnte es daran liegen, dass in diesem Fall Lokalkolorit gern gesehen wird (Kamele, Al-Dschazira), in der Lyrik das Fremde oder Exotische aber verpönt ist? Kann es sein, dass man sich von der Lyrik eine Art philosophischer Erkenntnis verspricht, man quasi ans Eingemachte will und dabei nur der eigenen Sprache zutraut, Erkenntnis oder Eingemachtes zustande zu bringen? Ist es möglich, dass in Gedichten so etwas wie ein Nationalbewusstsein zum Ausdruck kommt oder zumindest so etwas wie ein Stammesgefühl?

Wie dem auch sei. Es muss ja nicht gleich Katar sein. Frankreich z.B. ist nah und traut man seinen Französischkenntnissen nicht so ganz, dann gibt es auch die eine oder andere Übersetzung. Char und Ponge, Michaux und Prévert etwa winken mir ein freundliches "Salut" aus dem Bücherregal herüber und wer sagt, die seien doch alle schon tot, der hat nicht ganz unrecht, aber da wedeln noch Bonnefoy, Métail und Roubaud mit ihrem Baguette und wer jetzt behauptet, die könnte man auch nicht gerade als taufrisch bezeichnen, nun, dem habe ich nichts mehr entgegenzusetzen.

Zeitgenössische ausländische Lyrik in zweisprachigen Ausgaben. Wirklich keine einfache Aufgabe und auch die beiden neuen Bände, die jetzt vor mir liegen, erfüllen sie nur zum Teil: Wenn man nämlich unter zeitgenössisch auch jung' versteht, dann wird es schwer, den Band "Die unbefleckte Empfängnis" von Pierre Garnier, Jahrgang 28, darunter zu verbuchen. Der vierte Teil der Anthologie "Das Fest des Lebens" kann sogar mit zwei knapp 90jährigen aufwarten, dafür aber auch mit einigen 30 und 40jährigen, eine in poetischen Dimensionen geradezu knackige Altersstufe. Auch wenn das Jean-Claude Martin in einem seiner hübschen Poëmes en prose anders sieht:
"Mit siebenundvierzig noch Gedichte schreiben! Du lieber Gott, irgendetwas in meinem Gehirn hat da wohl nicht richtig funktioniert! Was fehlt dir denn? So vieles, daß die Auflistung mich schon im voraus mit Mitleid erfüllt! Selbst diese ungerechte, verrückte Welt macht mich nicht glücklich. - Ist das ein Grund, all das Papier zu schwärzen? Deinem Verleger nachzulaufen? Zwei, drei Leser zu belästigen? Was hast Du denn getan, um diese Welt zu verändern?"
Was sonst noch "Das Fest des Lebens" ausmacht: Pascal Commère präsentiert recht idyllische Bilder eines Daseins als junger Vater, Régine Ha-Minh macht ein Fass voller gewagter oder besser: gespreizter Metaphern auf, Jean Chatard lässt kräftige Bilder sprießen ("stählerne Blüten"), Vénus Khoury-Ghata macht ziemlich blumige Vorschläge "Wie Du ein Gedicht schreiben kannst", Mireille Fargier-Laruso ist für haikuhafte Augenblicksbeschwörungen zuständig, bei Jean Joubert wimmelt es beängstigend von Wörtern wie "Dunkel", "Schatten", "Nacht" ("Und das Stöhnen der Liebe/ ahmt Angst und Leiden nach.// Im durchpflügten Schoß/ keimt das dunkle Korn/ der zukünftigen Tode."), Jean Rivet schreibt von der Vergänglichkeit und weiß: "ein paar Minuten sind Zeit genug für die Geschichte einer Liebe", Charles Galtier wagt einige "Psalmen" von alttestamentarischer Urgewalt ("Leben! - Wir schlagen dem Leviathan den Kopf ab") und Jean Rousselots Gedichte zeigen uns "Das harte Leben": "Kaum waren die Raumfahrer/ Wieder fortgeflogen/ Kam die Alte mit ihrem Reisigbündel/ Aus ihrem Versteck hervor/ Und trippelte wieder über den Mond."

So heterogen diese Anthologie ist (was bei Anthologien vielleicht sogar wünschenswert ist, zumindest aber üblich, nicht aber zwingend notwendig), so homogen ist "Die unbefleckte Empfängnis" von Pierre Garnier, ein hundertseitiger, autobiographischer Gedichtkomplex, in dem die verlorene Zeit einer dörflichen Kindheit in der Picardie im Mittelpunkt steht. Eine Zeit in der "les gens des ville sont encore du monde villageois" und wo Sonne, Mond und Sterne den Bauern, Bienen und Blumen Gute Nacht sagen. Für die zentrale Figur dieser Gedichte, mal "das Kind", mal "ich", später dann "der alte Mann" genannt, ist es der Ort der Unschuld, der unbefleckten Empfängnis, in dem alles von einem zauberischen Air umweht ist: "manchmal bleibt der Pflug stehen/ - dann spannt der Bauer sein weißes Pferd aus/ und beide treten ins Gedicht".. Und das Dorf ist auch die unbefleckte Welt des elternlosen Kindes, insofern es dort Sprache und Poesie empfängt, die auf wundersame Weise mit der Natur verbunden scheinen: "am Ufer des Teiches rühren/ langbeinige Vögel im Wasser// sie singen nicht, sie schreiben".

Solch ein Idyll ist natürlich gefährdet: "nehmt eure Zirkel! Sagt die Lehrerin/ immer muß man diesen schönen Kreis mit einem Loch beginnen". Und irgendwann ist alle Unschuld verloren und die Welt wird zu einem großen "NICHT MEHR", kein Buchfink, keine Kornwachtel mehr, keine Großmutter, kein Onkel mehr und "niemand wagt mehr, von Mond und Sternen zu reden/ und noch weniger von der Nachtigall/ diese Wörter sind verboten". Nur Pierre Garnier greift unerschrocken zur Feder und lässt diese Welt - durchaus einnehmend - wieder auferstehen. Leider aber ist die Welt, die hier gepriesen wird, eine Illusion, ist das blumige Privatuniversum eines weltfernen Dichters, dem allein an seiner Erinnerung liegt, nichts an der äußeren Welt seiner Kindheit oder seines Alters. Damals, "in jener Zeit des Krieges/ ließ der Geschmack seltener Marmelade/ Sein und Nichtsein erscheinen" und wenn in der Rückschau die Qualität der Marmelade das einzige Problem ist, so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn die Erinnerung an solche Banalitäten das einzige ist, was den Dichter kümmert: "keine Menschen mehr vor sich/ umso besser/ keine Buchfinken, das ist schade".

Mag sein, dass Garnier so etwas wie eine "unbefleckte Empfängnis" erfahren hat, aber dieser Unschuld ist von Anfang an eine Verachtung für alles Unreine eingeschrieben. Dass Garnier einst, Anfang der 60er Jahre, Mitbegründer einer neuen Laut- und Sehpoesie war, dass er die "Sprachmaterie zertrümmern wollte" und ein "radikales Anders-Schreiben" forderte, ist kaum zu glauben. Zwar ist es nicht ungewöhnlich, dass die Lust an formalen Experimenten im Alter nachlässt, manche Dichter dann überhaupt erst lesbar werden, dass ein solcher Prozess aber einhergeht mit sozialer Entsensibilisierung, eben dass ist mit Blick auf den Willen zum Neuen, wie ihn Garnier in den Sechzigern vertrat, kaum zu glauben. Denn der Wunsch nach Veränderung in der Kunst ist, wenn auch im seltensten Fall politisch motiviert, so doch aber Ausdruck einer gesellschaftlichen Dynamik. Da ist es wahrlich erstaunlich, wie alle Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts an der Provinzialität des Dichters abprallen. Hier liegt der Punkt, wo ich glaube, dass Lyrik national bedingt unterschiedlich gelesen und geschrieben wird. Jemand aus Katar mag dem Satz: "Napoleon und Stalin hat es nie gegeben", wie Garnier ihn schreibt, analytisch unbefangen gegenüberstehen, ich aber fühle mich geschichtlich zu sehr vorbelastet, um nicht einen emotionalen Eisklotz und Reaktionär dahinter zu vermuten. Denn ich glaube, dass es tatsächlich verboten ist [ausschließlich] vom Mond zu reden', wenn man von einer während des Zweiten Weltkriegs verbrachten Kindheit schreibt.

Trotz allem meinen größten Respekt Rüdiger Fischer, dem Verleger, Herausgeber und vor allem dem Übersetzer dieser beiden Bände, für seine hervorragende Arbeit.