Das zweite Leben
des Walter Moers
Walter Moers hat ein schönes Buch geschrieben. Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen, galt Moers doch als der "Bad Boy" der Comic-Zeichner, der Zyniker, der Schöpfer des Kleinen Arschlochs, mit dem er sich umgehend einen Platz im Olymp (oder im Hades) der Grafiker sicherte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in den 80ern diese wüsten Bildergeschichten verschlangen, in denen es vor Scherzen, die fröhlich die Grenzen zum schlechten Geschmack übersprangen, nur so wimmelte. Seltsamerweise hat er es sich in dieser Zeit mit niemanden wirklich, nun ja,
verscherzt. Auf verworrene Weise - die
konkret würde es vielleicht als "doppelt codiert" bezeichnen, andere Marxologen als "dialektisch" - transportierten die Zeichnungen und Texte einen spezifischen Humanismus - eine bittere, gallige Variante, die Humor als Mittel der psychischen Notwehr benutzt. Seine späteren Werke - "Die 13 Leben des Käpt'n Blaubär", "Ensel und Krete" - will ich allerdings gar nicht verschweigen, zudem sie schon deutlich zeigten, wohin die Reise geht.
Ja, und jetzt, wie gesagt, hat Moers ein wirklich schönes Buch geschrieben, einen Roman: "Wilde Reise durch die Nacht". Anhand von 21 Bildern von Gustave Doré, dem erfolgreichsten Illustrator des 19. Jahrhunderts, erzählt er eine "märchenhafte" Geschichte. Hauptprotagonist ist der eben genannte Grafiker im vor- oder gerade-so-eben-pubertierenden Alter von zwölf Jahren. Moers lässt den Jungen in einen Seesturm geraten und dabei fast umkommen. Er schließt mit dem Tod - ähnlich wie bei Terry Pratchett eine eher witzige, um mich zu sagen: eine Witzfigur - eine Wette ab. Gustave muss, um sein Leben zu retten, in einer Nacht sechs Aufgaben erledigen: eine Jungfrau aus den Klauen eines Drachen befreien, einen Geisterwald durchqueren, die Namen von sechs Riesen erraten, den Zahn eines Ungeheuers bringen, sich selbst begegnen und auf den Mond reisen.
Diese Story bietet Moers die Möglichkeit, seine skurrile Phantasie hemmungslos spielen zu lassen. Gustave trifft auf einen Siamesischen Zwillingstornado und auf einen galaktischen Gully, er besucht den Pferdekopfnebel, die Verwaltungsabteilung des Universums und die Futuristischen Möglichkeitswaben mit ihren Raumzeitkontinuierlichen Möglichkeitsprojektionen. Und dazu gibt es die Grafiken des realen Doré, die auch heute noch nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Unter
www.wilde-reise.de sind viele seiner Bilder zu sehen. Besonders interessant ist es, wie sich Filmemacher von ihm haben inspirieren lassen: auf einem der Bilder ist z.B. eine Kreatur zu sehen, die eine wirklich
verblüffende Ähnlichkeit mit dem Chewbacca aus "Krieg der Sterne" hat.
Der Humor, den Moers hier spielen lässt, ist subtiler als in vielen anderen Büchern von ihm: Der beinharte Sarkasmus ist einer feinen Ironie gewichen. Dies sei dem Moers gegönnt, zudem es ihm auch im wesentlichen geglückt ist. Nur … der Schluss. Also, so geht das nicht. Er wendet hier einen der ältesten erzähltechnischen Tricks an, die man sich so vorstellen kann, und das hat weder die Geschichte noch Doré verdient - und Moers selber auch nicht. Schade eigentlich. Und trotz der also etwas missglückten letzten Seiten ist "Wilde Reise durch die Nacht" ein wirklich schönes Buch mit dem ihr eure halbwüchsigen Geschwister oder Kinder oder wen auch immer beglücken könnt.