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Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman




Oktober 2001
Marc Degens
für satt.org

Horst Kasper:
Mobbing in der Schule. Probleme annehmen - Konflikte lösen.

Beltz Verlag
Weinheim/Basel 1998
264 Seiten
DM 39,80
EUR 20,35

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Horst Kasper:
Mobbing in der Schule.
Probleme annehmen - Konflikte lösen.



Schüler Hartmut hänselt permanent seinen Sitznachbarn, die Chefin geht ihrem Sekretär fortwährend an die Wäsche, alle meiden Kollege Anton, Renate darf im Büro nicht mehr rauchen. Diese und ähnliche alltäglich anzutreffenden Verhaltensweisen aus der Schul- und Arbeitswelt bündelt im deutschen Sprachraum seit Anfang der neunziger Jahre das Schlagwort "Mobbing". Und seither steht diese Thematik in der öffentlichen Verhandlung hoch im Kurs: Leidgeprüfte berichten in Talkshows über ihre gemachten Erfahrungen, Gewerkschaftler gründen Arbeits-, Betroffene Selbsthilfegruppen, die Ratgeberliteratur floriert mit martialischen Titeln wie "Krieg am Arbeitsplatz" und "Terror im Büro", Wirtschaftswissenschaftler summieren besorgt die entstehenden Folgekosten, sogar der TV-Thriller gewann ein neues Genre, den Kollegen-Krimi. Doch obwohl die Forschungsarbeiten zu diesem Komplex in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen sind, lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse zumeist auf einen kleinen Nenner bringen: "Wo gearbeitet wird, wird auch gemobbt‘; mobbt‘ der Vorgesetzte, heißt das Bossing‘".

Dabei hat die Erforschung von Mobbing eine lange Tradition, vor allen Dingen in den skandinavischen Ländern. 1958 bereits bezeichnete Konrad Lorenz das Angriffsverhalten von Tieren, die sich zusammenrotten, um gemeinsam einen stärkeren Gegner abzuwehren, als Mobbing. 1969 übertrug der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann den Begriff mit einer beträchtlichen Akzentverschiebung auf die zwischenmenschliche Interaktion und drückte mit ihm in seinem Bestseller "Mobbing - Gruppengewalt unter Kinder und Erwachsenen" (1972) jegliche Formen von gruppeninternen Feindseligkeiten aus (schwedisch "mobba": angreifen, schikanieren). In der Folgezeit richtete sich das Forschungsinteresse dann verstärkt auf die Mobbing-Problematik unter Schülern, erst Anfang der achtziger Jahre wurde sie auf die Arbeitswelt ausgeweitet. Heutzutage schließlich versteht man unter Mobbing üblicherweise wiederholt auftretende, systematische und dauerhafte negative Handlungen innerhalb einer Gruppe gegen bestimmte Personen, die jene als diskriminierend empfinden. Doch trotz und gerade wegen dieser Definition bereitet es weiterhin Schwierigkeiten, Mobbingvorgänge eindeutig von üblichen Konflikten abzugrenzen, da das subjektive Empfinden der Schikanierten ein wesentliches Beurteilungskriterium darstellt. Denn das, was die einen als gesundes Arbeitsklima erleben, kann für die anderen pure psychische Gewalt sein und zu schweren gesundheitlichen Schäden führen. Und genau dieses vage Moment schiebt sich bei der Lektüre des Buches "Mobbing in der Schule" von Horst Kasper leider regelmäßig in den Vordergrund.

Der Autor verfolgt darin, wie man dem Untertitel entnehmen kann, zwei Ziele. Zum einen möchte er darauf aufmerksam machen, daß auch und insbesondere der Arbeitssektor Schule für Mobbingvorfälle anfällig ist. Nach einer knappen und soliden Einführung zum aktuellen Stand der Mobbing-Forschung kommt der Autor zunächst auf die besonderen Organisationsformen des Nonprofitunternehmens Schule zu sprechen (Beamtenstatus, Dreiecksverhältnis Schüler-Lehrer-Eltern, Ferien etc.), um dann im Hauptteil von Mobbing betroffene Lehrer und Lehrerinnen selbst zu Wort kommen zu lassen. Rund dreißig ausführliche Berichte umfaßt das Buch, in Einzelgesprächen entstanden und zum Teil durch private Aufzeichnungen ergänzt, die teilweise ausführlich, manchmal sogar drastisch Einblick über die Entstehungsprozesse, Formen und Auswirkungen von Mobbing gewähren. Horst Kasper hat diese zu Themengruppen zusammengestellt, wodurch es ihm gelungen ist, auf zahlreiche Ursachen rückzuschließen, (etwa Konstellationen bestimmter Persönlichkeitsprofile,) die Mobbing begünstigen oder überhaupt erst ermöglichen. Doch hierbei gibt es einen Wermutstropfen, der fast alle erzielten Erkenntnisse in Frage stellt, denn die Berichterstattung ist zu einseitig und subjektiv. Das Buch verfällt bedauerlicherweise gerade an seinen zentralen Stellen in ein undifferenziertes Schwarzweiß-Denken; so kommen nur Opfer‘ zu Wort, die Befragung der Gegenpartei entfällt. Eben diese wäre aber nicht nur sinnvoll, sondern für eine kritische Analyse notwendig gewesen. Viele Ergebnisse erscheinen so als blanke Spekulation, manchmal möchte man sogar bezweifeln, daß es sich bei den geschilderten Erlebnissen tatsächlich um Mobbingvorfälle handelt.

Horst Kasper, der über 40 Jahre im Schuldienst und 25 Jahre davon als Realschulleiter tätig war, will aber nicht nur abhandeln, sondern auch helfen und "Konflikte lösen". Und so entwickelt er im letzten Drittel seines Buches zahlreiche kurative und präventive Vorschläge zur Mobbingbekämpfung. Doch auch hier bleibt es zweifelhaft, ob leutselige Sinnsprüche wie "Von der Liebe zur Dominanz zur Dominanz der Liebe" es tatsächlich schaffen, ernsthafte Mobbingkonflikte zu entschärfen. Auch die Installation einer Tafel mit dem "ABC der mobbingfreien Schule" ("Humor ist ein guter Schutzmantel in allen Lebenslagen") im Lehrerzimmer oder die Ratifizierung einer schulinternen "Anti-Mobbing Konvention" ("4. Wir wollen uns in Toleranz und Zivilcourage üben.") sind wohl nur an einer Schule denkbar, an der Mobbing sowieso keine Chance hat. Den tatsächlich von "Mobbing in der Schule" Betroffenen hilft schlußendlich wahrscheinlich doch nur die Inanspruchnahme der herkömmlichen Hilfsangebote, die wohlweißlich am Buchende aufgelistet sind.