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3. November 2014
Jörg Auberg
für satt.org
  Benjamin Kunkel: Utopia or Bust. A Guide to the Present Crisis.
Benjamin Kunkel: Utopia or Bust. A Guide to the Present Crisis. London: Verso, 2014. 180 Seiten, £ 8,99.
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Benjamin Kunkel: Utopie oder Untergang. Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise.
Benjamin Kunkel: Utopie oder Untergang. Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise. Übersetzt von Richard Barth und Christian Heilbronn. Berlin: Suhrkamp, 2014. 246 Seiten, Broschur € 18,00, E-Book (EPUB) € 17,99.
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Forschungen eines Spätzünders

Mit seinem Essayband »Utopie oder Untergang« möchte Benjamin Kunkel Hilfestellung bei der intellektuellen Orientierung geben. In den Texten beschäftigt er sich mit sieben Vertretern eines postmodernen Marxismus, wobei jedoch das Ziel, die herrschende ökonomische und kulturelle Verfassung zu diagnostizieren, nur bedingt erreicht wird.

Zu Beginn dieses Jahrtausends avancierte Benjamin Kunkel zu einem Shooting star im US-amerikanischen Literaturbetrieb. Der junge Mann aus Eagle in Colorado machte sich auf den Weg nach Osten, studierte an den Elite-Universitäten Harvard und Columbia, reüssierte im Jahre 2005 mit seinem Debüt-Roman Indecision (dt. Unentschlossen) und gehörte zu den Mitbegründern der Zeitschrift n+1. Obwohl er somit den Grundstein für eine vielversprechende literarische Karriere gelegt hatte, entwickelte er sich in den Folgejahren zu einem marxistisch inspirierten öffentlichen Intellektuellen, der die aktuelle Krise des kapitalistischen Systems zum Anlass nahm, seinem Denken und Schreiben eine neue Richtung zu geben. Die Neuorientierung begann 2007, als er an der New Yorker City University David Harveys Vorlesungen zur Lektüre von Karl Marx‘ Kapital besuchte und kurze Zeit später für vier Jahre nach Buenos Aires zog. Dort konnte er aufgrund der relativ niedrigen Lebenshaltungskosten von seinen Tantiemen sehr viel günstiger als in New York leben. Zudem war dort eine vollkommen andere Perspektive auf den Neoliberalismus zu finden. Ähnlich wie John Dos Passos, der während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach Spanien als utopisches Gegenbild zum industriell-kapitalistischen Moloch für sich entdeckte und eine linke Sichtweise entwickelte, war in den Augen Kunkels das von Schulden gebeutelte Argentinien ein Gegenentwurf zu den USA. Am Beispiel des Romanciers Pio Baroja hatte Dos Passos den Autor als Vorhutagent der Revolution beschrieben, der ausmaß und beschrieb, was zu zerstören war.1 Auch wenn Kunkel nicht über den radikalen Impetus Dos Passos' verfügt, wurde Argentinien für Kunkel nicht nur zu einem freiwilligen Exil jenseits des kapitalistischen Gravitationszentrums, sondern auch zum Sinnbild des Versuches, einen Weg ins Freie zu auszuspähen.

Resultat dieses Unterfangens ist das Buch Utopia or Bust (das – in erweiterter Form – unter dem Titel Utopie oder Untergang auch auf Deutsch vorliegt), in dem Kunkel Essays über eine Reihe von marxistischen Intellektuellen unterschiedlicher Provenienz versammelt, die in den zurückliegenden Jahren in den Zeitschriften London Review of Books, New Statesman und n+1 erschienen. Obwohl sich Kunkel durch sein Selbststudium ein solides Wissen über die politische Ökonomie erarbeitet hat, tritt er nicht großsprecherisch oder angeberisch auf. Eher bescheiden stellt er sich und seine Arbeit dem Publikum vor. »Die Essays sind kein originärer Beitrag zum marxistischen (oder vielleicht treffender von Marx inspirierten) Denken«, heißt es in seiner Einleitung. »Sie stellen lediglich mit einigen kritischen Anmerkungen gespickten Einführungen in das Denken einer guten Handvoll zeitgenössischer linker Intellektuellen dar [...].«

An erster Stelle dieser Gruppe steht der englische Marxist David Harvey. Für Kunkel ist dieser Geograf nicht allein wegen seiner Vorlesungen zur Kapital-Lektüre (die als freie Kursreihe über YouTube abrufbar sind) sein intellektueller Mentor. Vor allem besitzt er für Kunkel eine herausragende Bedeutung, weil er die räumliche Dimension der Kapitalakkumulation in den traditionellen marxistischen Diskurs einführte, welche die Eingliederung nicht-kapitalistischer Territorien und ihrer Bevölkerungen einschließe. Für Kunkel vertritt Harvey einen universellen, allumfassenden Ansatz zum Verständnis der Prozesse der globalen Kapitalakkumulation, auch wenn er ein stark stilisiertes Modell des Kapitalismus skizziere, in dem das gesamte kapitalistische Wirtschaftssystem als eine einzige Firma dargestellt werde.

Eine ähnliche Wertschätzung Kunkels erfährt der Literaturtheoretiker Fredric Jameson, der 1984 mit einem wegweisenden Aufsatz in der New Left Review die Postmoderne als kulturelle Logik des Spätkapitalismus beschrieb und seither immer wieder die »Kommmodifizierung der Kultur« aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchte. Obgleich die voluminösen Texte letztlich stets aufs Neue um postmoderne Erscheinungsformen, Oberflächenstrukturen, Periodisierung und Totalisierung kreisen, schwärmt Kunkel in höchsten Tönen von dem marxistischen Theoretiker und seinem »majestätischen« Stil. »Die überragende Stellung, die Fredric Jameson unter den in englischer Sprache schreibenden Literaturwissenschaftlern seiner Generation zukommen«, eröffnet Kunkel seinen Essay, »lässt sich kaum bestreiten.« Zwar räumt er später ein, dass die ihn seit Jahren zeichnende statuenhafte Erstarrung dem Anspruch zuwiderläuft, zeitgenössische Phänomene wie Digitalisierung und Virtualisierung zu analysieren, und kritisiert die mangelnde Beschreibung der Produktionsweise als »entscheidende Schwachstelle«. Trotz allem bewundert er seine Beharrlichkeit: Obgleich Jameson mittlerweile die Achtzig überschritten hat, bleibe er »den utopischen Regungen der sechziger Jahre treu«, ohne dass Kunkel diese Regungen näher spezifiziert. Eingedenk der Tatsache, dass es zum Projekt der Neuen Linken in den 1960er gehörte, eine kritische Gegenöffentlichkeit jenseits der traditionellen Institutionen herauszubilden, ist es fragwürdig, einen professoralen Marxisten, der seine berufliche Lebenszeit ausschließlich in akademischen Organisationen zubrachte, als Hüter der Utopie zu feiern. Bereits 1987 hatte Russell Jacoby kritisiert, dass Jameson die Öffentlichkeit außerhalb der akademischen Institutionen scheut und die Welt in jargondurchtränkte Konvolute verwandelt: »Alles ist Text und mehr Text.«2

Auch wenn Kunkel die Utopie schon im Titel seines Buches beschwört, steht er doch eher in der Tradition der reformerischen US-amerikanischen Linken, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von Irving Howe und anderen Proponenten des »demokratischen Sozialismus« repräsentiert wurde: Sie hielten die Erinnerung an die utopischen und libertären Sozialisten wach, doch herrschten bei ihnen sozialdemokratische Vorstellungen von Vollbeschäftigung, moderatem Wachstum und regulierender Staatsintervention vor. Dieser Konzeption eines nüchternen und gezügelten Utopismus, den Howe in einem seiner letzten Essays als »Notwendigkeit der moralischen Imagination«3 bezeichnete, hängt auch Kunkel an, der die Occupy-Bewegung in New York skeptisch beurteilte, da sie seiner Meinung nach in ihrer »anarchistischen« Ausrichtung keinen politisch-organisatorischen Rahmen schuf. Ähnlich kritisch beurteilt er den an der London School of Economics lehrenden Anthropologen David Graeber, der sich selbst als Anarchist bezeichnet. Zwar anerkennt Kunkel die Brillanz seines Buches Schulden: Die ersten 5000 Jahre (2011), doch hegt er Vorbehalte gegenüber dem »bilderstürmerischen« Ansatz. »Die anarchistische Gleichsetzung von Staat und Gewalt droht von einer analytischen Kategorie zu einem Axiom zu werden«, warnt er. Die anti-institutionelle Akzentuierung der Unmittelbarkeit, wie sie sich in Konzepten der direkten Aktion oder Versammlungen »von Angesicht zu Angesicht« ausdrückt, berge die Gefahr, »Entwicklung eines differenzierten Programms der Linken eher zu behindern als zu fördern«. Statt auf ideologischen Prinzipien zu beharren, käme es darauf an, den Waren- und Geldverkehr unter vernünftigen Bedingungen zu organisieren.

Auch mit dem in den Feuilletons gefeierten Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert (2013) des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty geht Kunkel vor allem wegen Pikettys theoretischer Defizite eher hart ins Gericht, obgleich er Piketty zugutehält, »ein gut lesbarer und manchmal bis ins Sarkastische witziger Autor« zu sein. Problematisch sei jedoch sein Kapitalbegriff, da er jede Art von Vermögen umfasse, das einen Ertrag abwerfe oder von dem dies erwartet werde. »Vermögen« und »Kapital« seien somit austauschbare Begriffe, womit Piketty in die Beliebigkeit abtauche. Zweifellos bestehe sein Verdienst darin, dass er akribisch die wachsende Ungleichheit mit statistischem Material und Daten dokumentiere, doch fehle ihm die theoretische Grundierung, konstatiert der marxistische Autodidakt Kunkel: »So souverän sein statistischer Zugriff ist, so tastend bleibt sein theoretischer Zugang.« Nach Pikettys Meinung führe eine zunehmende Vermögenskonzentration zu einer stagnierenden Wirtschaft, und dies sei eine Bedrohung für die Demokratie. Seiner Analyse fügt er – im Gegensatz zu Marx – gleich die Problemlösung bei: Mittels einer globalen progressiven Vermögenssteuer möchte er die Ungleichheiten auf der Welt in den Griff bekommen. Er räumt zwar ein, dass dies »utopisch« sei, aber nicht unrealistisch. Für Kunkel ist dies jedoch lediglich Kosmetik, die nichts am grundsätzlichen Problem des kapitalistischen Systems ändere. Wie Russell Jacoby in einer Piketty-Kritik schreibt, möchte der französische Ökonom die Extreme der gegenwärtigen Herrschaft abschwächen und einen »Kapitalismus mit menschlichem Antlitz« schaffen.4 Marx war in seiner Kritik des Bestehenden weitaus radikaler: »Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche.«5

 

Anmerkungen:

1 John Dos Passos, The Major Nonfictional Prose, hg. Donald Pizer (Detroit: Wayne State University Press, 1988), S. 69

2 Russell Jacoby, The Last Intellectuals: American Culture in the Age of Academe (1987; rpt. New York: Basic Books, 2000), S. 172

3 Irving Howe, »Two Cheers for Utopia« (1993), in: A Voice Still Heard: Selected Essays of Irving Howe, hg. Nina Howe (New Haven und London: Yale University Press, 2014), Kindle-Ausgabe

4 Russell Jacoby, »Piketty v. Marx«, The New Republic, 7. Juni 2014

5 Karl Marx, »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie«, in: Marx-Engels, Werke, Bd. 1 (Berlin: Dietz, 2006), S. 379

6 Dwight Macdonald, Politics Past: Essays in Political Criticism (1957; rpt. New York: Viking, 1970), S. 18



Abschließend beschäftigt sich Kunkel mit den beiden Philosophen Slavoj Žižek und Boris Groys, die bei Kunkel jedoch überwiegend Widerspruch provozieren. Zwar lobt er Žižeks »grafomanische Produktivität« und »postmoderne Vielseitigkeit«, doch bietet ihm dieser intellektuelle Popstar mit seiner »unerträglichen Leichtigkeit« des Kommunismus, seiner plakativen Ablehnung des Reformismus und der parlamentarischen Demokratie und seinem »leninistischen Quietismus« kaum ein politisches Fundament, so dass sich die Frage stellt, warum Žižek in einem Buch diskutiert wird, dessen erklärtes Ziel die »Hilfestellung bei der intellektuellen Orientierung« ist, zu der Žižek nichts beizutragen vermag. Ähnlich verhält es sich mit Boris Groys, der in seinem Buch Gesamtkunstwerk Stalin (1988) den Stalinismus als Realisation des Traums der Avantgarde darstellt, »das gesamte gesellschaftliche Leben nach einem künstlerischen Gesamtplan zu organisieren«. Bei Groys erscheint der Stalinismus nicht als Terminator der Moderne, sondern als deren Fortsetzung mit autoritären Mitteln. Der Philosoph geriert sich als Provokateur, der mit seinen aufgeblähten Ideen nicht zu überzeugen, aber zu verstören weiß. Groys‘ Bedeutung liegt für Kunkel darin, dass er mit seinen Abstiegen in die stalinistische Unterwelt in Erinnerung rufe, »dass Teil des sozialistischen Projekts auch eine kulturelle Revolution war«. Für diese Erkenntnis bedarf es jedoch nicht eines sich philosophisch drapierenden Krawallmachers, der die »kommunistische Revolution« als »Überschreibung der Gesellschaft vom Medium Geld auf das Medium Sprache« imaginiert.

Letztlich ist Utopie oder Untergang weniger ein Wegweiser für die aktuelle Krise denn ein eklektischer Streifzug durch das aktuelle Terrain der »Marxikologie« (wie Dwight Macdonald es nannte), ohne dass Kunkel – im Gegensatz zu den meisten früheren New Yorker Intellektuellen – im »bolschewistisch-leninistischen Wald« gealtert ist.6 Er ist eher ein Spätzünder, der auf Umwegen zum Marxismus postmoderner Prägung gelangte. Die Auswahl der untersuchten Autoren ist zum einen den Vorlieben Kunkels und zum anderen der Produktausschüttung des kapitalistischen Buchmarktes geschuldet. Während fragwürdige Figuren des intellektuellen Betriebes wie Žižek und Groys ausgiebig behandelt werden (deren Nutzen für eine intellektuelle Neuorientierung zweifelhaft ist), bleibt die ökologische Dimension der Krise vollkommen außen vor. Diese Schwäche räumt Kunkel schon in der Einleitung ein, um der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der wenig bescheidene Anspruch des Buches, »einen Beitrag zur Erhellung der wirtschaftlichen und kulturellen Kennzeichen der aktuellen Krise des Kapitalismus« und letztlich – wenn auch nur langfristig – zur »kulturellen Erneuerung« zu leisten, kann so nur zum Teil erfüllt werden.