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11. November 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Jung und schön (François Ozon)
Jung und schön (François Ozon)
Jung und schön (François Ozon)
Bildmaterial © Weltkino
Jung und schön (François Ozon)
Jung und schön (François Ozon)


Jung und schön
(François Ozon)

Originaltitel: Jeune & jolie, Frankreich 2013, Kamera: Pascal Marti, Schnitt: Laure Gardette, Musik: Philippe Rombi, mit Marine Vacth (Isabelle), Géraldine Pailhas (Sylvie), Frédéric Pierrot (Patrick), Fantin Ravat (Victor), Johan Leysen (Georges), Charlotte Rampling (Alice), Nathalie Richard (Véro), Djedje Apali (Peter), Lucas Prisor (Felix), Laurent Delbecque (Alex), Jeanne Ruff (Claire), Carole Franck (Polizistin), Olivier Desautel (Polizist), Serge Hefez (Psychiater), Akéla Sari (Mouna), 95 Min., Kinostart: 14. November 2013

Nach dem fast ein halbes Jahrzehnt umfassenden Formtief von Angel, Ricky, La refuge und Potiche ist François Ozon mit Dans la maison wieder auf einem akzeptablen Sattelpunkt seiner Karriere angekommen, und sein neuer Film war laut eigenen Angaben sogar inspiriert von der Zusammenarbeit mit den männlichen Teenagern, der jetzt als Hauptfigur im neuen Film der 17jährigen Isabelle folgt (das Model Marine Vacth war bei den Dreharbeiten 22). Seit Sous le sable hatte sich der einst sehr am Thema Adoleszenz interessierte Ozon auf ältere Figuren fokussiert (selbst die jungen Frauen in Swimming Pool und Angel durchleben ja kaum etwas, was man als »Coming of Age« umschreiben würde). Nun versucht er vielleicht, sich gemeinsam mit den jungen Figuren »neu zu erfinden«.

Ähnlich wie Cinq fois deux ist Jeune & jolie wieder ein kaleidoskop-ähnliches Gebilde, das in Schlüsselmomenten etwas über einen längeren Zeitraum aussagen will. Diesmal ein in vier Jahreszeiten aufgeteiltes Schuljahr, bei dem handverlesene Songs von Françoise Hardy jeweils noch eine zusätzliche Interpretationsebene anbieten. Ozon dazu: »Jede Jahreszeit beginnt mit dem Blickwinkel einer anderen Figur: Sommer ist Isabelles Bruder, Herbst ihr Kunde, Winter ihre Mutter und Frühling ihr Stiefvater.« Die Sache mit den »Blickwinkeln« nutzt Ozon zwar, um der Geschichte zusätzliche Facetten zu verleihen, teilweise sind es aber auch Ablenkungsmanöver. So beginnt der Film mit einer Fernglasperspektive, die Isabelle zeigt, wie sie sich zum Sonnenbad am Strand obenherum frei macht. Der kleine Bruder als vermeintlich inzestuöser Spanner wirkt zunächst wie eine gleichberechtigte zweite Hauptfigur, doch schnell wird klar, dass die anderen »Blickwinkel« vor allem zusätzliche Schlaglichter auf die Hauptfigur bieten. Gerade der im weitesten Sinne voyeuristische Blick bietet in zwei Schlüsselszenen gänzlich unterschiedliche Blick- und Inszenierungsansätze. In einer Sommerszene erleben wir mit den Augen des Bruders, wie Isabelle, einem ihre Entjungferung verheißenden Date entgegenfiebernd, in harmloser Kleinmädchenart mit der Hilfe eines Kissens masturbiert. Dass sie dabei auf zweifache Art beobachtet wird, erfährt sie nie. Viel später im Film, wenn Isabelle mit zunehmender Professionalität als Prostituierte arbeitet, sieht man ihren Blick auf einen (nur akustisch dargebotenen) Internetporno. Mit Voyeurismus hat dies aber so gut wie nichts zu tun, die Szene impliziert eher, dass Isabelle über das Studium der Schauspielerinnen an ihrer eigenen »Inszenierung« arbeitet, da die eigene Sexualität nicht eben von Erfüllung zeugt (angefangen mit der nüchternen bis »abgehakten« Entjungferung am Strand), will sie ihren Kunden (die ja wiederkommen sollen) zumindest das bieten, was diese offenbar (der Porno als Abbild und Schablone der Realität) erwarten. Das spiegelt sich auch in einem Dialog mit dem Bruder, der diesmal nicht ins Zimmer kann:

»Was machst Du?«
»Ich arbeite.«
»Schaust Du Pornos?«

Das Thema Prostitution mit dem der erwachenden Sexualität zu kombinieren, birgt für den Regisseur ebenfalls Gefahren, doch Ozon öffnet Interpretations- und Diskussionsansätze, trotz seiner attraktiven Darstellerin, die sich schon in der ersten Szene entblößt, wird Prostitution hier nicht wie bei einem suspekten »Anti«-Kriegsfilm verherrlicht, in einem Rundumschlag liefert Ozon unzählige Ansätze und eine vielfach geführte Diskussion nach dem Film wird sicher sein, ob Isabelle »nach dem Film« weiterhin im horizontalen Gewerbe tätig sein wird. Dies lässt Ozon nämlich ganz bewusst offen, er kümmert sich stattdessen um diverse Ansätze, die Themenkomplexe zu betrachten. Ein Glücksfall bei dem Film ist es, dass er auch inszenatorisch viele Ansätze bietet.

Die erste Strandszene etwa hat viel aus einem Horrorfilm. Es beginnt mit dem nicht offenbarten Beobachter aus dem Gebüsch (vgl. Halloween und diverse Splatterstreifen), und kurz darauf steht der zunächst in einer Täter-Opfer-Dichotomie gefangene kleine Bruder am Strand vor seiner halbnackten Schwester, wobei der Schatten seiner Hand zu ihrer Brust wandert. Eine sexuell aufgeladene Situation, die wir so auch aus Murnaus Nosferatu kennen, doch so, wie die Szene nicht in der Nacht, sondern in der Sommersonne spielt, so bleibt auch die Bruder-Schwester-Situation harmlos, ist eher dafür geeignet, das Thema des sexuellen Erwachens über den Umweg des Bruders stärker herauszuarbeiten. Ein Film, der so großartig beginnt, mit der Filmgeschichte spielt, sie aber ganz in den Dienst der eigenen Narration stellt, müsste sich schon sehr anstrengen, um die Vorschusslorbeeren später wieder zu verspielen. Soviel steht fest: Obwohl einige Fettnäpfchen zur Verfügung stehen (und Ozon scheint einige zusätzliche extra herbeizuschaffen), gelingt es dem Regisseur, einigermaßen leichtfüßig zwischen diesen hindurchzutanzen. Man mag dem Film einen Trend zum Moralischen vorwerfen, oder eine gewisse Mythologisierung, aber aus einem Thema, das auch im Medium Film zu den ältesten gehört, schafft er noch ein hochinteressantes Werk. Ozon ist wieder da! Und er schreckt auch nicht vor Klischees zurück. Hat er nie getan, er bedient sich ihrer lieber. Und so singt Françoise Hardy am Ende des Sommers »Du hast aus mir eine andere gemacht. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen«, während Isabelle ihre Ferienbekanntschaft (übrigens ein Deutscher!) und Entjungferung wortwörtlich »hinter sich lässt« und keine Gefühlsregung zeigt.

Nach der sommerlichen Strandszenerie wechselt der Film in seinem Herbst-Viertel sofort den Tonfall, eine vom Erscheinungsbild her scheinbar Jahre ältere Isabelle wandelt durch dunkle, mondäne Hotelflure und der »Arbeitsantritt« offenbart erst später die vorhergehende »Verkleidung«, Isabelle führt jetzt ein Doppelleben, die Bluejeans und Turnschuhe werden gegen ein hautenges schwarzes Kleid und High Heels ausgetauscht. Gerade die sich später in bürgerlicher Empörung gebärdende Mutter (Géraldine Pailhas) führt ein ebenso zu verurteilendes Doppelleben, Ozon bietet immer mehrere Sichtweisen, ob es um den Stiefvater geht, der immer im unpassenden Augenblick ins Badezimmer kommt oder später um den harmlosen Freund, der angesichts der »tricks of the trade« überrascht ist. Aber nicht unbedingt negativ.

Neben dem moralischen Blick bietet Ozon auch einen (augenzwinkernden) ökonomischen. Für ein Schäferstündchen nimmt Isabelle anfänglich 300 Euro, später sind für »Blasen ohne Gummi« auch mal 500 im Gespräch. Wenn ihr Doppelleben dann aufgeflogen ist, arbeitet sie als Babysitterin und bekommt für sechs Stunden 60 Euro. Und der Psychotherapeut, den sie später aufsuchen muss, nimmt 70 Euro die Stunde, was sie schließlich mit ihren »Ersparnissen«, die die Mutter erst einer karitativen Einrichtung spenden wollte, bezahlen »darf«. Moral mit Geld aufzuwiegen, stellt ein Problem dar, aber verschiedene Stundenlohne miteinander zu vergleichen, ist ein simples Prozedere, das sich der Film nicht verkneifen kann.

Die Möglichkeit, die unzähligen Facetten des Films miteinander in Beziehung zu bringen, machen aus Jeune & jolie einen aktuellen Höhepunkt im Schaffen Ozons. Der Kinobesuch ist mit Leichtigkeit zwei Stunden Babysitten wert.