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29. Mai 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Playoff (Eran Riklis)
Playoff (Eran Riklis)
Bildmaterial © Wild Bunch Germany
Playoff (Eran Riklis)
Playoff (Eran Riklis)



Die Lebenden (Barbara Albert)
Die Lebenden (Barbara Albert)
Bildmaterial: RealFictionFilme
Die Lebenden (Barbara Albert)
Die Lebenden (Barbara Albert)



Playoff
(Eran Riklis)

Deutschland / Frankreich / Israel 2011, Buch: Gidi Maron, David Akerman, Eran Riklis, Kamera: Rainer Klausmann, Schnitt: Tova Ascher, mit Danny Huston (Max Stoller), Amira Casar (Deniz), Max Riemelt (Thomas), Selen Savas (Sema), Mark Waschke (Axel), Hanns Zischler (Franz), Irm Hermann (Bertha), Smadi Wolfman (Ronit), Andreas Eufinger (Ulrich), Mathias von Heydebrand (Dieter), Yehuda Almagor (Shimi), 107 Min., Kinostart: 30. Mai 2013

Die Lebenden
(Barbara Albert)

Österreich 2012, Buch: Barbara Albert, Kamera: Bogumil Godfrejów, Schnitt: Monika Willi, Musik: Lorenz Dangel, mit Anna Fischer (Sita), Hanns Schuschnig (Gerhard Weiss), August Zirner (Lenzi, Sitas Vater), Itay Tiran (Jocquin), Daniela Sea (Silver), Winfried Glatzeder (Michael Weiss), Almut Zilcher (Marianne, Sitas Mutter), Wanja Mues (Gunther), Emily Cox (Junge Frau), Kristina Bangert (Gerda, Lenzis Frau), 112 Min., Kinostart: 30. Mai 2013

»Deutsche Vergangenheit« ist meistens gleichbedeutend mit dem Dritten Reich, so auch in diesen beiden Filmen, die jeweils einen nicht-deutschen Standpunkt wiedergeben (Regie führten die Österreicherin Barbara Albert und der aus Israel stammende Eran Riklis) und – obwohl sie beide nicht mehr ganz taufrisch sind – nun auch noch den selben deutschen Kinostart wählten, somit also »Konkurrenten« sind, denn die wenigsten Kinobesucher wollen wohl zwei thematisch so verwandte Filme in einer Woche sehen (die Pressevorführungen lagen knapp drei Tage auseinander).

Beginnen wir mit den positiven Aspekten: Beide Filme verzichten auf Flashbacks, um die älteren Protagonisten verjüngt im Kontext des Zweiten Weltkriegs durch ein sepiagetöntes Ruinendeutschland stolpern zu lassen. Da ist man als Zuschauer dankbar, insbesondere auch, weil beide Filme diese vielfach »bewährte« und sich quasi aufdrängende Lösung immerhin recht kreativ umgehen.

In Playoff geht es um einen israelischen Basketballtrainer (Danny Huston in einer Rolle, die ihm einiges abverlangt), der 1931 in Frankfurt geboren wurde, Deutschland 1943 zusammen mit seiner Familie verließ, und nun 1982 – zur Zeit, in der der Film spielt – in seine frühere Heimat zurückkehrt, um die deutsche Basketball-Nationalmannschaft aus einem Formtief herauszubringen, damit sie sich für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles qualifizieren kann.

Ähnlich wie der Presserummel um den Trainer Max Stoller, der fast ausschließlich nach seinem politisch-historischem Hintergrund befragt wird, wo er doch lieber über seinen Sport dozieren würde, dreht sich auch der Film eher wenig um Basketball, sondern vor allem um ein traumatisches Ereignis in Max' Jugend, das mit seinem verstorbenen Vater zusammenhängt. Bei der Prämisse des Basketball-Trainers stützt sich das Buch auf die reale Figur des 2008 verstorbenen Ralph Klein, ob dieser 1982 gleich in zwei Fällen so etwas wie ein Ersatzvater war für zwei Jugendliche, die unterschiedliche Aspekte seiner eigenen Jugend symbolisieren, darf man anzweifeln. Zum einen gibt es da den abweisenden Basketballspieler Thomas (Max Riemelt), der der Meinung ist, sein verstorbener Vater würde als ehemaliger Kriegsheld nicht die angemessene Beachtung finden, während um den neuen Trainer, der zweimal »seinem« Land den Rücken kehrte (erst Deutschland, dann bei der Rückkehr Israel), viel Aufhebens gemacht wird, obwohl sowohl Thomas als auch der Zuschauer an seinen vielgelobten Trainer-Fähigkeiten durchaus zweifeln kann. Etwas stärker gewichtet ist die Verbindung zu einem jungen Mädchen namens Sema (Selen Savas), das in der exakt selben Wohnung wie einst Max lebt – im Alter, das er seinerzeit hatte. Zusammen mit ihrer Mutter Deniz (Amira Casar), die von Semas Vater verlassen wurde. Im Zusammenspiel der drei ungleichen Figuren, die eigentlich nur eine (teilweise ehemalige) Wohnung teilen, sich aber schnell in Richtung Ersatzfamilie entwickeln, steckt die große Stärke des Films, der dem Zuschauer die Zeit lässt, vage ähnliche Verhältnisse (Judenverfolgung, Migrantenunterdrückung) miteinander zu vergleichen. Doch verzettelt sich der Film zunehmend in einer großen Anzahl von Nebenhandlungen, wobei gerade im letzten Viertel des Films durch einige überflüssige Klischees einiges an zuvor gewonnenem Respekt wieder verspielt wird.

Immerhin ist die Darstellung der frühen 1980er, dem Ende des deutschen Herbstes, Polizeistaat gegen Hausbesetzer usw., recht detailfreudig gelungen, auch wenn ein Übermaß an Plakaten und Transparenten (oder argwöhnischen türkischen Nachbarn) auch diese Bemühungen manchmal der Lächerlichkeit preisgeben. Einerseits labt man sich als Zuschauer an verspielten kleinen Details wie einer Handcreme-Tube, andererseits schlägt man die Hand vor Augen, wenn der Film zur genauen historischen Einordnung mit Boulevard-Überschriften wie »Helmut Kohl wird Bundeskanzler« geradezu den Beweis antritt, dass Subtilität eben nicht alles ist.

Bei Die Lebenden indes entfernt man sich von der Subtilität Riklis' mit stampfenden Siebenmeilenstiefeln. Der ach so vielsagende Titel findet in den ersten zwanzig Minuten dermaßen viele Entsprechungen, dass man es schnell leid ist. Die 25jährige Sita (Anna Fischer) hat österreichische und rumänische Wurzeln, arbeitet aber in Berlin für »Das Super-Talent«. Gleich zu Beginn des Films singt ein bedingt talentierter junger Mann das Lied, das er auch der Jury vortragen möchte. Einige Songzeilen daraus: »I want you to see me when I die / I want you to be me when I die.« Gleich im Anschluss sieht man Sita joggen, die Musik, die man dazu hört, stammt vermutlich aus ihrem Kopfhörer, und sie addiert sich zur Schar der textlichen Anspielungen, die ich den Lesern in vollständiger Form ersparen möchte.

Die Geschichte wie die Herangehensweise des Films überzeugen eigentlich, aber von Barbara Albert (Nordrand, Böse Zellen) erwartet man soviel mehr. Laut Regiestatements im Presseheft geht es um den Kontrast zwischen dem Jetzt und dem Damals, unter anderem, was die Musik und die »Beweglichkeit« (natürlich auch die geistige) angeht. Und es geht um Bilder. Heutige Bilder, die beweglich sind, und alte, erst hervorzusuchende Bilder von der Vergangenheit Sitas Familie. Der Kernmoment des Films ist hierbei die Sichtung eines Interviews, das mit ihrem Großvater gemacht wurde. Dass das Band größtenteils Hausschuhe und Tischbeine zeigt, ist ja noch originell, aber da sich die Regisseurin auf Dokumentarfilme beruft und ihre Protagonistin ebenfalls im weitesten Sinne dokumentarisch arbeitet, darf man als Zuschauer auch mal fragen, woher dieser seltsame Zusammenschnitt eines offenbar längeren Interviews stammt. Weder aus der Sicht des Interviewers noch aus der Sicht der filmischen Erzählung ergibt die bloße Montage (und ich rede hier von einem gehörigen Stück des Films) meines Erachtens besonders viel Sinn. Womit sich das interessanteste Element des Films quasi selbst disqualifiziert.

Und ansonsten? Das selbe Problem wie bei Kollege Riklis: Zu viele Nebenhandlungen, die dem Film aber nicht die Impulse geben, die man sich erhoffen würde. Ein israelischer Fotokünstler namens Jocquin, eine politische Aktivistin namens Silver und ein seltsam lustlos dahingerotztes Dreiecksverhältnis, das irgendwie nur das Interesse an der Hauptfigur aufrecht erhalten soll.

Beide Filme haben das Problem, das sie zu sehr nach Drehbuchregeln, und zwar nach ausgefeilten, komplizierten Drehbuchregeln, funktionieren, wo sie sich lieber auf ihre Geschichte konzentrieren sollten. Playoff hat nebenbei das Glück, einen dennoch zu fesseln, bei Die Liebenden sieht man immerhin das ungeheure Potential, dass der Film gehabt hätte, wenn man einige Handlungselemente einfach hätte fallen lassen. Was Riklis an Nebenthemen dem Zuschauer selbst (bei Wunsch) erkunden lässt, quetscht Barbara Albert alles noch irgendwie rein in den Film, der darunter leidet. Gemeinsam ist beiden Filmen, dass man als Zuschauer ähnlich ziellos wie die jeweilige Hauptfigur durch die Geschichte stolpert, man aber bei Playoff – trotz offensichtlicher Schwächen – diese Ziellosigkeit als Merkmal der Figur begreift, während sie im anderen Fall auch ein Symptom des Films darstellt.