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6. August 2012
Jens Meinrenken
für satt.org

  Paul Hornschemeier: Mein Leben mit Mr. Dangerous
Paul Hornschemeier:
Mein Leben mit Mr. Dangerous

Hamburg: Carlsen 2012
160 S., Euro 19,90
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Paul Hornschemeier:
Mein Leben mit Mr. Dangerous

Es ist eine seltsame Melancholie, die uns in den Comics von Paul Hornschemeier begegnet. Immer wieder durchschlagen kleine visuelle Details den tristen Charakter der Bilder und erzeugen mit leuchtenden Farben die surreale Atmosphäre einer anderen Gegenstandswelt. Diese Effekte der Wahrnehmungsstörung- und Realitätsüberzeichnung sind wohl kalkuliert. Wie ein Soziologe begleitet Hornschemeier das tägliche Leben seiner Protagonisten, um im entscheidenden Augenblick eine andere Sicht der Dinge zu zeichnen, das starre Gerüst der Narration zu durchbrechen und einen lichten Moment der Hoffnung zu erzeugen.

Mein Leben mit Mr. Dangerous schließt da nahtlos an die bereits zuvor im Carlsen-Verlag publizierten Werke von Hornschemeier an: Komm zurück, Mutter und Die drei Paradoxien. Gleichsam vertraut und doch irritierend wirkt der Gestus dieser Alltagsgeschichten: Wer ist dieser Mr. Dangerous, der uns als Figur einer äußerst schrägen TV-Serie begegnet? Und welche Rolle spielt er in der Fantasie und den Träumen von Amy, der weiblichen Hauptfigur von Hornschemeiers neuestem Comic? Man kann Mein Leben mit Mr. Dangerous als eine einsame Novelle über die Kindheit und das Erwachsenwerden lesen, doch es lohnt sich der Blick hinter die Kulisse dieser grafischen Maskerade. Ein Hauptelement ist das Spiel mit den Paradoxien von Raum und Zeit. Die Erinnerung überlagert die Gegenwart und wird dabei wie ein farbloses Theaterstück in Szene gesetzt. Die Zukunft kündigt sich in Form von Paketen an, die eigens gebastelte Figuren und kryptische Botschaften enthalten. Der Fernseher öffnet sich und wird zum Einfallstor in eine andere Dimension. Dagegen wirken der Job und das Privatleben von Amy wie eine auffällig inszenierte Langeweile. Welchem Fetisch der Objekte wird hier im Comic gehuldigt?

Auch wenn das Ende von Mein Leben mit Mr. Dangerous ein Teil dieses Rätsels löst, vieles bleibt interpretationsbedürftig. Zum Beispiel das pinkfarbene T-Shirt mit dem Aufdruck eines Einhorns, das Amy von ihrer Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommt. Nur ein simples Märchenmotiv oder doch symbolträchtig verankert in der christlichen Ikonographie als Hinweis auf die Jungfräulichkeit Mariens? Eine Stärke Hornschemeiers liegt in solchen sinnhaften Widersprüchen und visuellen Puzzleteilen, die den Intellekt des Betrachters herausfordern. Obwohl der zeichnerische Stil an die Arbeiten von Daniel Clowes, Chris Ware oder Charles Burns anschließt, ist seine reduzierte Linie einem bestimmten philosophischen Programm verpflichtet, das sich so bei den genannten Kollegen nicht wiederfindet. Das kommt schon in dem Titel von Hornschemeiers Heftserie forlorn funnies zum Ausdruck, die unter anderem als Grundstock für Komm zurück, Mutter gedient hat. Das Attribut forlorn heißt soviel wie aussichtslos, verloren, einsam, sinnlos, während funny lustig, zum Lachen meint. Diese sprachliche Gegensätzlichkeit bezeichnet nicht nur den besonderen sprachlichen Humor Hornschemeiers, sondern beschreibt auch seine eigenwillige Bilderwelt mit ihren optischen Experimenten und herbstlichen Farben. In diesem Sinne sei Mein Leben mit Mr. Dangerous vor allem jenen Lesern empfohlen, die Comics als amüsante und zugleich äußerst ernsthafte Gedankenkost genüsslich goutieren.